#Backflash #2 Über #Herzensbücher, das bayerische #Psychiatriegesetz, erste Schreibversuche, Branchen-Rants und den Welttag des Buches

Eine wunderbare erste Frühlingswoche liegt hinter uns und hach! so kann es von mir aus weitergehen.
Endlich da: Die Print-Ausgabe von SCHWEIG STILL!
Hier geht’s zur Printausgabe  Mit dem Original-Cover und ja, es ist immer noch ein Knüller, ein Buch selbst herauszubringen, vor allem, wenn das E-Book bereits ganz ordentlich lief.  Click aufs Cover —> E-Book-Ausgabe
Für entspannte 10 Euronen könnt ihr nun auch unabhängig von erneuerbaren Energien und Coltan lastigen Lesedevices mit Nelli mitfiebern, ob sie ihre Mutter wiederfindet oder nicht.
Aber hoppla! Warum habe ich denn den Link zu Amazon gesetzt und nicht zu einem anderen deutschen Buchgroßhändler?! Weil mal wieder eine folgenreiche Brandrede die Gemüter erhitzte: Wie anstößig ist es, dass die Self-Publisherin Marah Woolf Verkaufslinks zu Amazon setzt, statt den stationären Buchhandel zu berücksichtigen? Begonnen hatte es mit einem m.E. etwas pampigen Schreiben einer Buchhändlerin, die sich von der Autorin dadurch benachteiligt fühlte. Die Aussage der Buchhändlerin “Wir sind es, die unbekannte Autoren durch Empfehlungen an Kunden bekannt machen” hat bei mir für einen spontanen Heiterheitsanfall gesorgt. Ich mache den Bücher-Schmuh seit bald 10 Jahren und kann mich nicht erinnern, dass ein kleiner stationärer Buchhändler sich jemals um einen meiner AutorInnen im Wunderwaldverlag oder mich bemüht hätte, um den Bekanntheitsgrad zu steigern. Auch den anderen von Marah Woolf vorgebrachten Argumenten kann ich guten Gewissens abnicken. (Übrigens muss man immer wieder betonen, dass man nicht allein Amazon ob der Unternehmenspolitik angreifen sollte, sondern auch die sogenannte Tolino-Allianz, die den Ausverkauf in Deutschland vorangetrieben hat. Marktwirtschaftlich ist das zwar alles okay, aber die Folgen sind die gleichen wie beim Amazon-Kahlschlag.) Aber lest selbst auf Marah Woolfs Blog nach: Du musst dir schon selbst Konfetti in dein Leben pusten – Hilfe zur Selbstanalyse der deutschen Buchlandschaft
Hier könnt ihr noch mitschreiben: Erzählt doch mal was über eure allerersten Texte. Was hat euch damals beschäftig?


Die Verlosung zu meinem Herzensbuch Der stille Ruf des Todes ist beendet. Es freut mich sehr, dass sich so viele Interessenten für einen Roman zu einer Krankheit gefunden haben, für die immer noch kein rechtes Bewusstsein zu herrschen scheint. Wann wird aus der Gesundheitsvorsorge, bestehend aus Sport und gesunder Ernährung, eine Essstörung? Und wo liegen die Parallelen in der Schönheitsindustrie? Ich bin gespannt, ob es dazu eine Diskussion geben wird.
Auch im Hinblick auf das in Bayern geplante #Psychiatriegesetz möchte ich euch dieses Buch ans Herz legen. Stellt euch vor, eure Tochter, euer Sohn entwickeln eine Essstörung, oder euer Ehepartner, eure Ehepartnerin, eine Bekannte, Verwandte, Arbeitskollegen … Laut Gesetz dürften sie, da diese Personen eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung entwickelt haben, im wahrsten Sinne des Wortes auf polizeiliche Weisung in ein Krankenhaus “weggesperrt” werden. Freiwillige und gesetzliche Einweisungen sowie Entlassungen müssen von den Betroffenen bei der Polizei (!) gemeldet werden. Es gäbe einen Eintrag in einer Datenbank, den Behörden bis zu 5 Jahre abrufen könnten. Das hat weder noch was mit Datenschutz zu tun, noch tut man den Erkrankten und deren Angehörigen damit einen Gefallen. Das ist keine Hilfe, sondern bewusste Kriminalisierung von Personen. Meiner Meinung nach darf dieses Gesetz nicht zur Anwendung kommen, schon um der Wiederholung der Geschichte keinen Vorschub zu leisten.
In der Zeit ist am 18.04. dazu ein lesenswerter Artikel erschienen:
http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-04/psychiatrie-psychisch-kranken-hilfe-gesetz-bayern-gesetzentwurf
Und zum Schluss noch etwas Erfreuliches: Am kommenden Montag, den 23.04.2018 ist wieder mal Welttag des Buches. Habt ihr an dem Tag etwas buchmäßiges geplant? Dann schreibt mir eure Aktionen in die Kommentare, am besten mit Link!
Ich wünsche euch ein angenehmes Wochenende! Und geht raus in die Sonne!
 
 
 

Der stille Ruf des Todes: Fragen und Antworten

Es ist unheimlich schwierig, Leute zu finden, die sich trauen, Fragen zu Essstörungen zu stellen. Umso wunderbarer ist es, wenn es jemanden gibt, der es tut! Ich möchte euch ermutigen, weiterzufragen und vielleicht sogar gemeinsam mit mir das Thema auszuloten – oder mit anderen, die sich hier vielleicht einfinden.
Anbei meine nächsten Antworten zu der 4-Sterne-Rezi. Ich freue mich auf eure Kommentare!
https://textflash.wordpress.com/2018/03/01/wundervolle-4-sterne-rezi-zu-der-stille-ruf-des-todes-und-ein-paar-antworten-zu-den-fragen-der-rezensentin/comment-page-1/#comment-3950

Wundervolle 4-Sterne-Rezi zu "Der stille Ruf des Todes" und ein paar Antworten zu den Fragen der Rezensentin

Danke, danke, danke für diese Rezi!
https://www.amazon.de/gp/customer-reviews/R25LUPQSVKUTRI/ref=cm_cr_dp_d_rvw_ttl?ie=UTF8&ASIN=B079G1PBZT
Ein paar Sätze zu diesen Passagen:
Was mich ein wenig gestört hat: Manchmal kam ich mir vor, als würde ich in einem Vortrag über Anorexie sitzen, insbesondere wenn die etwas hysterisch anmutende Polizistin über das Thema referierte. Das hat mich leider immer wieder aus dem Lesefluss gerissen.
Das sollte natürlich nicht so sein. Was hättest du dir gewünscht?
Für mich waren diese Passagen eine Erholung, denn da konnte ich einfach mal was schreiben, ohne zu tief ins Thema vordringen zu müssen. Selbst die Fakten sind manchmal kaum zu ertragen, besonders, wenn es um einen nahen Angehörigen geht. Vielleicht hilft dir diese Erklärung, zu verstehen, warum es stellenweise etwas trocken geraten ist.
Die hysterische Polizistin ist selbst auch an einer Essstörung erkrankt. Ihr Zustand ist nicht akut, aber das Thema nimmt sie natürlich mit. Die “Hysterie” oder die, hm, sagen wir: Empfindsamkeit habe ich bei vielen Betroffenen und deren Angehörigen gespürt. Das Thema versetzt die Beteiligten in einen ununterbrochenen Ausnahmezustand. Um es mal dramatisch auszudrücken: Der Körper kämpft mit den letzten Kraftreserven ums Überleben, während der Kopf sterben will. Wenn man diesen Schwebezustand übersteht, dann bleibt immer noch die Erinnerung an diesen, hm, ja, Todeskampf. Es dauert sehr lang, bis man sowohl als Betroffener als auch als Angehöriger gelernt hat, damit umzugehen und nicht wieder in diesen Ausnahmezustand zurückzufallen.
Auch fand ich persönlich das Ende etwas abrupt und hätte mich über ein klein wenig mehr Information gefreut.
Ich hatte keine Kraft mehr 🙂 Deshalb habe ich den Roman an dieser Stelle (vorerst) enden lassen. Dazu kommt, dass es eigentlich bei dieser Erkrankung kein Happy End gibt. Wenn man sie übersteht, dann können gravierende körperliche Schäden zurückbleiben. Osteoporose, Nierenschäden, Gehirnschrumpfung mit damit einhergehenden (lebenslangen) psychischen Beeinträchtigungen sind möglich, um nur einige zu nennen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Betroffene trotz “Heilung” früher stirbt, ist hoch. Und leider muss ich an dieser Stelle auch die (lebenslange) Stigmatisierung durch das Umfeld und teilweise sogar die behandelnde Instanz erwähnen, mit der sich Genesene und Angehörige konfrontiert sehen. Gerade bei diesem letzten Punkt ist es schwierig, passende Worte zu finden, ohne ins Klischee abzurutschen.
Ein weiterer Punkt, warum der Roman an dieser Stelle endet: Der Heilungsprozess geht jetzt erst richtig los. Körperlich mag es von außen betrachtet schnell gehen. Der Betroffene nimmt zu und sieht wieder “gesund” aus. Was man nicht sieht, sind z.B. die Herz-Kreislauf-Probleme oder die unerträglichen, z.T. psychosomatischen Schmerzen, die der Genesende ertragen muss. Die schlaflosen Nächte, weil die Psyche nicht mitspielt oder für “Gesunde” normale Situationen als Bedrohung in Träumen verarbeitet. Die Veränderungen in dem sozialen Gefüge, in dem sich der Betroffene aufhält, sind immens, mitunter wird dieses Gefüge zerstört und muss neu aufgebaut werden, wenn es überhaupt geht. Das sind nur einige wenige Punkte, für die mindestens weitere 200 Seiten nötig wären. Aber soweit war ich noch nicht.
Angenommen, ich würde eine Fortsetzung schreiben, was wünscht du dir, liebe Rezensentin?

Schweig still: Der Krimi mit der Prise Ballett und wie es in Tod am #Niederrhein damit weitergeht

Ich beschäftige mich ja nicht erst seit gestern mit dem Ballett und habe dazu auch zwei Jugendroman-Serien veröffentlicht (übrigens mit Unterstützung der wunderbaren Nadine Muriel), nämlich den Lit.Limbus Dance Floor als Sammelbände 1 und 2 und Ballerina High.
Anfangs dachte ich: Na ja, wer will nach zwei zuckersüßen Jugendserien schon einen Ballettkrimi lesen? Anscheinend sind das doch eine ganze Menge Leute, denn Schweig still hält sich seit der Veröffentlichung im September 2016 in der Amazon-Sparte “Tanz allgemein” fast kontinuierlich auf Platz 1. Eine ganze Weile wurde der Roman auch als Zwei-Sparten-Bestseller geführt, was mich nach wie vor freut 🙂
Inzwischen habe ich ein paar andere Sachen ganz ohne Ballett geschrieben und in einem davon die, öhm, dunkle Seite des Tanzes in Form der Essstörung aufgegriffen (Der stille Ruf des Todes). Auch hier läppern sich die Verkäufe.
Nun hat mich wieder die Lust am Tanz gepackt. Im nächsten Band von Tod am Niederrhein werde ich erneut den Schritt über die Grenze auf die “andere” Seite des Tanzes wagen. Was so schön aussieht, kann Verwerfungen bis zur psychischen Selbstzerstörung hervorrufen. Dazu braucht man sich nicht unbedingt eine Essstörung einzuhandeln (ja, die “handelt” man sich ein wie z.B. eine Depression) oder so in die Vollen zu gehen wie in dem Kinofilm “Black Swan”. Es genügt der ganz normale Alltag, der mit dem persönlichen Bedürfnis, das hinter dem Tanz steckt, kollidiert.
Dem neuen Roman liegt diesmal eine populäre Ballettoper zugrunde. Nach der mythologischen “Eurydike” (die ich sogar zweimal verwendet habe) geht es nun in die “Glitzerwelt” der russischen Märchenopern. Mal schauen, womit mich die vier Hauptfiguren überraschen werden.

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Die innere Distanz

Um mir selbst das Gefühl zu geben, dass der Roman „ganz schnell vorbei“ ist, setzte ich mir sowohl inhaltlich als auch für die Erstellung des Romans einen engen zeitlichen Rahmen. An diesem Punkt wurde mir endlich bewusst, woran es nach wie vor bei mir krankte: Ich brauchte größtmögliche Distanz zum Thema, und gleichzeitig musste ich nah genug dran sein, um vermitteln zu können, worum es ging. Mir war klar, dass das alles ein Konstrukt war, um meine eigene Hilflosigkeit zu ertragen. Damit war auch endlich das Kernthema klar: die Hilflosigkeit zwischen Betroffenen, Angehörigen und Außenstehenden, die zu so vielen Missverständnissen und Verletzungen führt, dass sowohl der Betroffene als auch seine Angehörigen sich abgedrängt fühlen und schließlich im wahrsten Sinne des Wortes „verrückt“ werden, sodass sie von außen nur noch schwer oder gar nicht mehr erreichbar sind. s. auch: Wie wird man Betroffenen gerecht?

Damit konnte ich auch sortieren, was mir an Erlebnissen mit Helfern und Freunden berichtet wurde. Alle waren sich einig, dass diese Ereignisse unter „gesunden“ Voraussetzungen – Akzeptanz der Essstörung als Krankheit, Vermeiden der Schuldfrage etc. – ganz anders verlaufen wären. Das Spannungsfeld der Missverständnisse barg für mich auch die Möglichkeit, auf ekelerregende oder erniedrigende Schilderungen zu verzichten. Es ging mir nicht um das Ausschlachten der Realität, dazu ist sie schlicht zu grausam. Die agierenden Figuren, allen voran die Betroffene, sollten im Mittelpunkt stehen, ohne ihre Würde zu verlieren und gleichzeitig ihre Rolle spielen dürfen, um sie begreiflich(er) zu machen, ganz egal, an welcher Essstörung sie leiden.

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Welche literarische Form wird ihnen gerecht?

Das Thema hat mich zu Beginn der Recherchen im wahrsten Sinne des Wortes aufgefressen. Ich habe mich abgelenkt, indem ich zunächst den Krimi Schweig still schrieb, um auszuprobieren, ob ich überhaupt Kriminalromane verfassen kann. Nach Abschluss des Lektorats tauchte das Thema Essstörungen jedoch wieder auf, sodass ich überlegte, ob ich dafür einfach einen längeren Atem als für andere Themen bräuchte. Also setzte ich mich erneut an den Schreibtisch.

Ich nahm mir das Konzept „Kriminalroman“ vor, das einen tiefen Einblick in Bereiche bietet, die man gemeinhin als „Abgründe des Menschen“ bezeichnet. Diese Abgründe können unterschiedlich intensiv sein, sodass ein Krimi im Stile von Simenon oder Christie entsteht. Die verschärfte Form findet man in Thrillern, in denen nicht nur darüber berichtet wird, dass Blut spritzt – der Leser ist live dabei. Eignet sich dieser, in meinen Augen zum Voyeurismus neigende Erzählstil für eine so intime Geschichte wie eine psychiatrische Erkrankung?

Es erschien mir zu platt, eine sterbende Jugendliche mit einem „stylischen“ Showdown ins Jenseits zu befördern. In meinen Augen wurde das einer schweren Essstörung nicht gerecht. Und die Gefahr, dass die von Kachexie gezeichnete Hauptfigur in der Ecke der „Bösen“ landete, war mir zu groß.

Also ließ ich die Protagonistin eine Entscheidung treffen, die die Polizei veranlasste, nach ihr zu suchen: Sie wird „unsichtbar“, indem sie wegläuft, und beugt sich damit der Krankheit. Das Ende des Romans ist nichtsdestotrotz tragisch, da es nicht das Ende, sondern den Anfang des nächsten Leidenswegs zeigt, wie er auch in der Realität vorkommt. Ein Happy End gibt es nicht, auch nicht in diesem Krimi.

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Wenn du dich an unsere Abmachung hältst, misstraue ich dir trotzdem

Rita erzählt:

Eine Woche nach der Diagnose ging ich zum ersten Wiegen. Ich hatte 300 Gramm zugenommen. Mama und Papa und ich waren unglaublich erleichtert, dass wir einen Weg gefunden hatten, aus der Sache rauszukommen. Ich aß weiter unter Aufbietung all meiner Kräfte, denn ich hatte ein Ziel vor Augen: fünf Kilo zuzunehmen, um nicht sterben zu müssen.

Beim zweiten Wiegen wog ich ein Kilo weniger. Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Wie konnte das sein?! Hatte ich mich ganz umsonst gequält? Der Arzt musterte mich, wie ich fand, nachdenklich, nickte aber und schickte mich nach Hause. Auf dem Heimweg grübelte ich unablässig darüber nach, was geschehen war, dass ich trotz ausreichender Nahrungsaufnahme leichter geworden war. Ich lag bis spät nachts wach und wurde immer verzweifelter. Immer wieder ging ich die Szene beim Arzt durch, und plötzlich war sein Blick in meiner Erinnerung nicht mehr nachdenklich, sondern abschätzig, misstrauisch, ja, voller Verachtung. Er hatte mir nur vorgespielt, dass er mir glaubte, in Wirklichkeit hielt er mich für eine abscheuliche Lügnerin, die ihr Essen wieder auskotzt. Also konnte ich mir auch nicht mehr glauben.

Mama und Papa merkten nicht, dass sie anfingen, mich zu belauern. Jeden Bissen verfolgten sie vom Teller bis in meinen Mund. Ich ärgerte mich und hasste sie dafür, und trotzdem liebte ich sie so verzweifelt, weil sie mir beistehen wollten und es irgendwie nicht schafften. Ging ich, wenn der Teller endlich leer war, anschließend ins Bad, bekam Mama Angst, dass ich alles wieder auskotze. Das habe ich wirklich noch nie gemacht. Ich habe trotz der Schmerzen immer alles bei mir behalten. Ein einziges Mal war mir so schlecht, dass ich dachte: Jetzt kommt mir gleich alles wieder hoch. Aber nichts ist passiert, so sehr ich es mir auch gewünscht habe.

Nach einem Monat hatte sich mein Gewicht unter dem Anfangsgewicht eingepegelt. Die Angelegenheit frustrierte uns drei zunehmend. Fünfmal täglich, zu drei Hauptmahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten, quälte ich mich am Tisch herum, Mama saß daneben, Papa versuchte, mich abzulenken. Irgendwann vertrauten wir uns einfach nicht mehr. Wir machten uns im Grunde gegenseitig fertig, weil wir alle drei verzweifelt waren. Die Waage schien stärker als wir drei, obwohl es sich dabei nur um ein seelenloses Messinstrument handelt. Verrückt, oder?

Vielleicht dachten meine Eltern tatsächlich, dass ich heimlich kotzte oder mein Schulfrühstück verschenkte, weshalb sie sich öfter bei meinen Lehrern erkundigten, ob ich in den Pausen etwas aß. Aber sie waren wie ich wohl mürbe geworden von den ganzen blöden Fragen und den Verdachtsmomenten bei Ärzten und Bekannten, die immer wieder aufkamen: Sind Sie sicher, dass Ihre Tochter das Essen bei sich behält? Und Mama und Papa sagten jedes Mal: Ja, wir sind sicher. Und dann musterten sie mich mit dem gleichen nachdenklichen Blick wie der Kinderarzt, weil sie genauso wenig wie ich verstanden, was mit meinem Körper passierte, und das wenige Vertrauen schwand wieder ein bisschen mehr.

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Warum greift denn niemand ein?

Die Antwort ist simpel. Ein Eingreifen von außen ist erst möglich, wenn die Betroffenen und die Angehörigen es zulassen. Bis dahin müssen sie, so mein Eindruck, jedoch viel durchmachen, um den Kokon durchlässig für Außenstehende zu machen, in den die Betroffenen und die Angehörigen sich einspinnen. Hier spielen Selbstvorwürfe und Schuldgefühle eine große Rolle, s. Wer ist schuld? und die Weigerung, die Tatsache anzuerkennen, dass ein Familienmitglied sich unbewusst dazu bereit erklärt hat, ein massives Problem mit dem eigenen Leben zu tilgen, damit der Rest der Familie weiterleben kann.

Auch das Bild der „schlimmen psychiatrischen Krankenhäuser“ trägt dazu bei, dass Hilfe von außen erst so spät zugelassen wird. Dabei ist die Psychiatrie längst keine Endstation mehr für „hoffnungslos Verrückte“, auch wenn es Fälle wie die des Gustav Mollat gibt, in denen u.a. staatliche Willkür eine Rolle spielt.

Angehörige und Betroffene berichten, dass die Erleichterung groß ist, wenn die Einweisung in ein Krankenhaus erfolgt und sie die Krankheit nicht mehr allein schultern müssen. Das einsame Leiden ist endlich vorbei. Alle Beteiligten können endlich zur Ruhe kommen. Das Gedankenkarussell, das sich um das Essen und den Umgang damit dreht, steht endlich still. Das Misstrauen, das Betroffene und Angehörige untereinander entwickeln, kann endlich losgelassen werden.

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