B. Unghulescu: Weg mit den Büchern!

Joe Brauns Begräbnis. Rache macht glücklich

Es war ein verregneter Abend, als das Herzchen plötzlich sein Buch zuklappte und verkündete: „Oma, ich will nicht mehr Rumänisch lernen.“

„Aber warum denn, Herzchen?“, fragte die Großmutter erschrocken.

„Es ist so schwierig“, antwortete das Herzchen. „Will ich das Fenster öffnen, sagst du fereastră oder geam. Aber wenn ich einen Koffer vom Speicher holen will, bittest du um den geamantan. Ach!“ Ärgerlich schob das Herzchen das Buch weg.

„Ja, weißt du“, meinte die Oma langsam, „wäre die Sprache anders, gäbe es nicht so viele Geschichten. Zum Beispiel gab es einmal einen Esel, der mit dem Hirten auf der Weide war. Eines Tages lief sein Freund, der Hirtenhund, daovn. Das tat er manchmal, wenn er etwas anderes hören wollte als das dumme Blöken der Schafe.

Abends kehrte er ganz außer Atem zurück. „Freund Esel, hör zu, ich habe etwas gesehen, das dich staunen macht!“

„Aha“, sagte der Esel gelangweilt.

„Ja“, bellte der Hund aufgeregt, „hinter dem Berg hütet ein anderer Hirte seine Schafe, doch er sieht nicht aus wie unser Herr! Und als ich seinen Wächter, den fremden Hirtenhund fragte, warum sein Esel so groß und edel aussähe, berichtete er in einer fremden Sprache, dass es sich um ein edles Pferd handele. Doch ich verstand ihn und antwortete in meiner Sprache, und auch er verstand. Und so brachten wir den Tag zu, bis ich zurückkehrte.“

„Und“, fragte der Esel misstrauisch, „warum haben sie Pferde?“

„Weil sein Herr ein Ungar ist“, flüsterte der Hund geheimnisvoll. „Komm morgen mit, dann zeige ich es dir.“

Doch als sie am nächsten Tag gemeinsam losliefen, folgte der Hirte ihnen und beschuldigte den ungarischen Schäfer, er habe seinen Hund und den Esel gestohlen. Sie gerieten in Streit. Die Tiere hingegen tauschten sich freundlich aus und versprachen, sich öfter zu besuchen.“

„Toll“, brummte das Herzchen. „Aber das ist keine Erklärung, warum Rumänisch so schwierig ist.“

„Hör zu“, fuhr die Oma fort. „Mit der Zeit waren es die Hirten leid, dass sie den anderen nicht verstanden. Statt weiter zu streiten, versuchten sie es mit Geduld. Außerdem waren sie vom gleichen Schlag – wozu also die Feindschaft pflegen? Und so lernten die ungarischen von den rumänischen Hirten und umgekehrt.

Die Tiere aber wunderten sich, dass der Rest der Welt weiter Krieg gegeneinander führte, obwohl die fremden Worte längst die Ihren waren. So zeigen sich die Menschen als die wahren Esel und Köter, während die Tiere friedlich nebeneinander grasen und über die göttliche Vielfalt staunen.“

„Ich glaub dir kein Wort, Oma.“

„Dann, mein Herzchen“, lächelte die Großmutter, „stell dich zu den Schafen, die immer noch mit Ihresgleichen kämpfen, bis die ganze Weide von ihren Hufen zertrampelt ist.“

Eine Weile hört man nur den Regen aufs Dach prasseln.

Da seufzte das Herzchen. „Ich schaue, ob die fereastele offen sind“, sagte es. „Und die geamurile werde ich auch schließen, wenn nötig.“

Aus den Augenwinkeln sah die Bunică, dass das Herzchen das Buch unter den Arm geklemmt hatte, und lächelte.

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