Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Die innere Distanz

Um mir selbst das Gefühl zu geben, dass der Roman „ganz schnell vorbei“ ist, setzte ich mir sowohl inhaltlich als auch für die Erstellung des Romans einen engen zeitlichen Rahmen. An diesem Punkt wurde mir endlich bewusst, woran es nach wie vor bei mir krankte: Ich brauchte größtmögliche Distanz zum Thema, und gleichzeitig musste ich nah genug dran sein, um vermitteln zu können, worum es ging. Mir war klar, dass das alles ein Konstrukt war, um meine eigene Hilflosigkeit zu ertragen. Damit war auch endlich das Kernthema klar: die Hilflosigkeit zwischen Betroffenen, Angehörigen und Außenstehenden, die zu so vielen Missverständnissen und Verletzungen führt, dass sowohl der Betroffene als auch seine Angehörigen sich abgedrängt fühlen und schließlich im wahrsten Sinne des Wortes „verrückt“ werden, sodass sie von außen nur noch schwer oder gar nicht mehr erreichbar sind. s. auch: Wie wird man Betroffenen gerecht?

Damit konnte ich auch sortieren, was mir an Erlebnissen mit Helfern und Freunden berichtet wurde. Alle waren sich einig, dass diese Ereignisse unter „gesunden“ Voraussetzungen – Akzeptanz der Essstörung als Krankheit, Vermeiden der Schuldfrage etc. – ganz anders verlaufen wären. Das Spannungsfeld der Missverständnisse barg für mich auch die Möglichkeit, auf ekelerregende oder erniedrigende Schilderungen zu verzichten. Es ging mir nicht um das Ausschlachten der Realität, dazu ist sie schlicht zu grausam. Die agierenden Figuren, allen voran die Betroffene, sollten im Mittelpunkt stehen, ohne ihre Würde zu verlieren und gleichzeitig ihre Rolle spielen dürfen, um sie begreiflich(er) zu machen, ganz egal, an welcher Essstörung sie leiden.

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Welche literarische Form wird ihnen gerecht?

Das Thema hat mich zu Beginn der Recherchen im wahrsten Sinne des Wortes aufgefressen. Ich habe mich abgelenkt, indem ich zunächst den Krimi Schweig still schrieb, um auszuprobieren, ob ich überhaupt Kriminalromane verfassen kann. Nach Abschluss des Lektorats tauchte das Thema Essstörungen jedoch wieder auf, sodass ich überlegte, ob ich dafür einfach einen längeren Atem als für andere Themen bräuchte. Also setzte ich mich erneut an den Schreibtisch.

Ich nahm mir das Konzept „Kriminalroman“ vor, das einen tiefen Einblick in Bereiche bietet, die man gemeinhin als „Abgründe des Menschen“ bezeichnet. Diese Abgründe können unterschiedlich intensiv sein, sodass ein Krimi im Stile von Simenon oder Christie entsteht. Die verschärfte Form findet man in Thrillern, in denen nicht nur darüber berichtet wird, dass Blut spritzt – der Leser ist live dabei. Eignet sich dieser, in meinen Augen zum Voyeurismus neigende Erzählstil für eine so intime Geschichte wie eine psychiatrische Erkrankung?

Es erschien mir zu platt, eine sterbende Jugendliche mit einem „stylischen“ Showdown ins Jenseits zu befördern. In meinen Augen wurde das einer schweren Essstörung nicht gerecht. Und die Gefahr, dass die von Kachexie gezeichnete Hauptfigur in der Ecke der „Bösen“ landete, war mir zu groß.

Also ließ ich die Protagonistin eine Entscheidung treffen, die die Polizei veranlasste, nach ihr zu suchen: Sie wird „unsichtbar“, indem sie wegläuft, und beugt sich damit der Krankheit. Das Ende des Romans ist nichtsdestotrotz tragisch, da es nicht das Ende, sondern den Anfang des nächsten Leidenswegs zeigt, wie er auch in der Realität vorkommt. Ein Happy End gibt es nicht, auch nicht in diesem Krimi.

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Wenn du dich an unsere Abmachung hältst, misstraue ich dir trotzdem

Rita erzählt:

Eine Woche nach der Diagnose ging ich zum ersten Wiegen. Ich hatte 300 Gramm zugenommen. Mama und Papa und ich waren unglaublich erleichtert, dass wir einen Weg gefunden hatten, aus der Sache rauszukommen. Ich aß weiter unter Aufbietung all meiner Kräfte, denn ich hatte ein Ziel vor Augen: fünf Kilo zuzunehmen, um nicht sterben zu müssen.

Beim zweiten Wiegen wog ich ein Kilo weniger. Ich wollte meinen Augen nicht trauen. Wie konnte das sein?! Hatte ich mich ganz umsonst gequält? Der Arzt musterte mich, wie ich fand, nachdenklich, nickte aber und schickte mich nach Hause. Auf dem Heimweg grübelte ich unablässig darüber nach, was geschehen war, dass ich trotz ausreichender Nahrungsaufnahme leichter geworden war. Ich lag bis spät nachts wach und wurde immer verzweifelter. Immer wieder ging ich die Szene beim Arzt durch, und plötzlich war sein Blick in meiner Erinnerung nicht mehr nachdenklich, sondern abschätzig, misstrauisch, ja, voller Verachtung. Er hatte mir nur vorgespielt, dass er mir glaubte, in Wirklichkeit hielt er mich für eine abscheuliche Lügnerin, die ihr Essen wieder auskotzt. Also konnte ich mir auch nicht mehr glauben.

Mama und Papa merkten nicht, dass sie anfingen, mich zu belauern. Jeden Bissen verfolgten sie vom Teller bis in meinen Mund. Ich ärgerte mich und hasste sie dafür, und trotzdem liebte ich sie so verzweifelt, weil sie mir beistehen wollten und es irgendwie nicht schafften. Ging ich, wenn der Teller endlich leer war, anschließend ins Bad, bekam Mama Angst, dass ich alles wieder auskotze. Das habe ich wirklich noch nie gemacht. Ich habe trotz der Schmerzen immer alles bei mir behalten. Ein einziges Mal war mir so schlecht, dass ich dachte: Jetzt kommt mir gleich alles wieder hoch. Aber nichts ist passiert, so sehr ich es mir auch gewünscht habe.

Nach einem Monat hatte sich mein Gewicht unter dem Anfangsgewicht eingepegelt. Die Angelegenheit frustrierte uns drei zunehmend. Fünfmal täglich, zu drei Hauptmahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten, quälte ich mich am Tisch herum, Mama saß daneben, Papa versuchte, mich abzulenken. Irgendwann vertrauten wir uns einfach nicht mehr. Wir machten uns im Grunde gegenseitig fertig, weil wir alle drei verzweifelt waren. Die Waage schien stärker als wir drei, obwohl es sich dabei nur um ein seelenloses Messinstrument handelt. Verrückt, oder?

Vielleicht dachten meine Eltern tatsächlich, dass ich heimlich kotzte oder mein Schulfrühstück verschenkte, weshalb sie sich öfter bei meinen Lehrern erkundigten, ob ich in den Pausen etwas aß. Aber sie waren wie ich wohl mürbe geworden von den ganzen blöden Fragen und den Verdachtsmomenten bei Ärzten und Bekannten, die immer wieder aufkamen: Sind Sie sicher, dass Ihre Tochter das Essen bei sich behält? Und Mama und Papa sagten jedes Mal: Ja, wir sind sicher. Und dann musterten sie mich mit dem gleichen nachdenklichen Blick wie der Kinderarzt, weil sie genauso wenig wie ich verstanden, was mit meinem Körper passierte, und das wenige Vertrauen schwand wieder ein bisschen mehr.

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Warum greift denn niemand ein?

Die Antwort ist simpel. Ein Eingreifen von außen ist erst möglich, wenn die Betroffenen und die Angehörigen es zulassen. Bis dahin müssen sie, so mein Eindruck, jedoch viel durchmachen, um den Kokon durchlässig für Außenstehende zu machen, in den die Betroffenen und die Angehörigen sich einspinnen. Hier spielen Selbstvorwürfe und Schuldgefühle eine große Rolle, s. Wer ist schuld? und die Weigerung, die Tatsache anzuerkennen, dass ein Familienmitglied sich unbewusst dazu bereit erklärt hat, ein massives Problem mit dem eigenen Leben zu tilgen, damit der Rest der Familie weiterleben kann.

Auch das Bild der „schlimmen psychiatrischen Krankenhäuser“ trägt dazu bei, dass Hilfe von außen erst so spät zugelassen wird. Dabei ist die Psychiatrie längst keine Endstation mehr für „hoffnungslos Verrückte“, auch wenn es Fälle wie die des Gustav Mollat gibt, in denen u.a. staatliche Willkür eine Rolle spielt.

Angehörige und Betroffene berichten, dass die Erleichterung groß ist, wenn die Einweisung in ein Krankenhaus erfolgt und sie die Krankheit nicht mehr allein schultern müssen. Das einsame Leiden ist endlich vorbei. Alle Beteiligten können endlich zur Ruhe kommen. Das Gedankenkarussell, das sich um das Essen und den Umgang damit dreht, steht endlich still. Das Misstrauen, das Betroffene und Angehörige untereinander entwickeln, kann endlich losgelassen werden.

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen in der Familie. Wer ist schuld?

Niemand!

Es gibt so viele Faktoren, die zu Essstörungen führen können, es aber nicht unweigerlich müssen, genauso wie eine Depression aus einer schweren Lebensgeschichte entstehen kann, aber nicht zwingend muss. Lange wurde die Rolle der Mutter sehr kritisch betrachtet und vorrangig die Mutter-Tochter-Beziehung behandelt. Es kann aber auch Schwierigkeiten zwischen Vater und Tochter geben oder zwischen Mutter und Sohn oder Vater und Sohn, die zu einer Essstörung führen. Die Peergroup des Betroffenen kann eine Essstörung hervorrufen. Ein Erlebnis, eine einmalige Begegnung mit einem Fremden kann der Auslöser sein. Ein Satz, mit besten Vorsätzen vom Sporttrainer geäußert, kann negativen Einfluss auf die Zusammenstellung der Nahrung seines Zöglings nehmen. Eine Motivationsrede, vom Schullehrer gehalten, damit alle den Abschluss schaffen, kann einen einzigen Schüler entgleisen lassen. Die Einführung des Fernsehens hat auf Fiji zu einer Hungerepidemie geführt. Und, und, und …

Fazit: Sollten Sie in Ihrem Umfeld über Essstörungen stolpern, suchen Sie nicht nach einem Schuldigen, dem Sie Ihre unangenehmen Assoziationen und Emotionen überantworten können, wenn es um das Thema Essstörungen geht. Manchmal kann man trotz „gesunder Begleitumstände“ das Abgleiten in eine Krankheit einfach nicht verhindern.

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Wie wird man Betroffenen gerecht?

Man findet viele Informationen über Betroffene, jedoch kaum etwas von Betroffenen und ihren Familien. Ich vermute, dass es an der bereits erwähnten Unterwanderung öffentlicher Internetforen von ProAna und ProMia liegt, dass diese nicht mehr risikolos geführt und damit Informationen bereitgestellt werden können.

Zum Anderen liegt es wohl auch an den ungewollt zugefügten Verletzungen, die man den Betroffenen und ihren Familien mit gängigen Floskeln beschert.

Wie verhält man sich als Außenstehender?

Ein oft verwendeter, vermeintlich motivierender Satz Außenstehender lautet:

„Du musst dich nur zusammenreißen und ein bisschen mehr / weniger essen!“

Damit wird dem Betroffenen unterstellt, dass er sich bewusst oder gar böswillig gehen lässt und deshalb erkrankt ist. Aber es geht nicht darum, jemanden zur Ordnung zu rufen, der sich bewusst weigert, „normal“ zu essen, sondern um einen Menschen, der aufgrund einer psychischen Einschränkung nicht „normal“ essen kann. Und das ist ein gewaltiger Unterschied!

Würden Außenstehende auch so reagieren, wenn ihnen jemand mit einer populäreren Angst wie der Arachnophobie erzählt, wie sich sein Alltag gestaltet? Über die Angst vor Spinnen gibt es inzwischen jede Menge Witze wie diesen:

Spinne in der Zimmerecke entdeckt. Rausgegangen. Haustür abgesperrt. Haus angezündet. Bin jetzt auf Wohnungssuche.

Darin spiegelt sich nicht nur, wie wenig ernst diese Angst vom Außenstehenden genommen wird, sondern auch seine Hilflosigkeit, der er nur mit einem für ihn kathartischen Witz entgegentreten kann: Du hast Angst? Mist. Ich weiß nicht, wie ich dir helfen kann, weil ich deine Angst nicht verstehe / nachvollziehen kann. Weißte was, wir lachen jetzt mal kräftig drüber und dann ist die Sache erledigt!

Man findet darin auch die Unfähigkeit, empathisch darauf zu reagieren: Tja, selbst schuld, damit hast du wohl deine Lebensgrundlage zerstört. Damit ist für den Außenstehenden das Problem gelöst, dem Betroffenen nicht helfen zu können. Er hat ihn quasi mit seinem Problem „verbrannt“ und kann wieder entspannt zur Tagesordnung übergehen.

Der Haken an der Sache ist jedoch, dass ein Mensch mit starker Spinnenangst weiß, wie „unsinnig“ seine Angst ist. Sein Leben zerfällt aufgrund der Angst vielleicht bereits. Und er würde tatsächlich sein Haus anzünden, wenn sich dadurch etwas änderte. Folglich wurde er nicht nur (unwissentlich) noch tiefer in sein Problem hineingestoßen, sondern er hat von dem Außenstehenden auch noch einen Ratschlag bekommen, den er im schlimmsten Fall umsetzen wird, so unwahrscheinlich das für Außenstehende klingen mag.

Ein Weg, dem Arachnophobiker zu helfen wäre, mit ihm regelmäßig ein Terrarium zu besuchen und ihn zu desensibilisieren. Ein Außenstehender hat vielleicht die Zeit dazu oder Spaß an diesen Ausflügen, und eventuell verschwindet die Spinnenangst des Betroffenen sogar. Aber der oder die Auslöser der Angst bleiben damit unentdeckt.

Bei Essstörungen scheint das Problem einige tausend Grad heißer gekocht zu werden. Das Wissen, dass man sich in eine lebensbedrohliche Situation gebracht hat, belastet den Betroffenen. Er kann sein Verhalten aber nicht ändern, weil er sich dann den noch bedrohlicheren Ängsten stellen müsste, die die Essstörung bedingen. Dazu kommt, dass der Körper sofort auf die Veränderung der Nahrungszufuhr reagiert. Dazu gehören z.B. Schmerzen, die für den Betroffenen unerträglich werden können und die für Außenstehende weder logisch noch somatisch nachvollziehbar sind. Im Zusammenhang mit den vorhandenen Ängsten fühlt sich der Betroffene regelrecht gelähmt. Er kann sich trotz der lebensbedrohlichen Situation beim besten Willen nicht „zusammenreißen“ und demzufolge weder mit dem Essen aufhören noch damit anfangen.

Und wie sollte man sich als Außenstehender verhalten?

Man mag es kaum glauben, aber Betroffene mit Essstörungen sind auch ganz normale Menschen. Sie haben Hobbys, gehen zur Schule oder zur Arbeit, lesen, hören Musik, gehen ins Kino, haben ihr Spezialgebiet … Die Essstörung ist nur ein Teil von ihnen, der momentan mehr oder weniger intensiv in den Vordergrund tritt. Es ist unangenehm, ständig darauf angesprochen zu werden, wie wenig man diesen Teil im Griff hat. Oder wollen Sie regelmäßig darauf hingewiesen werden, dass Sie Brillenträger sind, schiefe Zähne haben, die Füße beim Laufen einwärts drehen oder dass Ihre Haare trotz Star-Friseur-Besuch bis in alle Ewigkeit der Erdanziehung unterworfen sein werden?

Unauffällige Präsenz hilft, am ball zu bleiben und das Gefühl zu vermitteln, da zu sein. Wenn die Entwicklung Sie nachdenklich macht oder Sie den Zustand des Betroffenen als fraglich einschätzen, reden Sie offen mit ihm darüber. Er darf erfahren, dass Sie sich Gedanken oder Sorgen machen. Vielleicht haben Sie den Mut und die Kraft, ihn oder sie zum Arzt zu begleiten. Die Behandlung der psychiatrischen Ursachen sollte man nicht nur, man muss sie sogar einem Facharzt überlassen. Die Diagnose wird wahrscheinlich keine Überraschungen mit sich bringen, ebenso die folgende Behandlung. Entscheidend ist vor allem die Zeit nach der Diagnose, weil sich dann eine Menge für den Betroffenen und sein Umfeld ändern wird.

Motivationsreden bringen nichts. Sie gleiten gerne mal ins Levitenlesen ab, auch wenn Sie glauben, der Auserwählte mit dem entscheidenden Zauberspruch zu sein, der den Betroffenen rettet. Sie können ihn nicht retten.

Verzichten Sie auf Sätze wie: Lass den Kopf nicht hängen. Gibt die Hoffnung nicht auf. Koch dir mal was Gesundes. Du musst nur sagen, was dich bedrückt, dann wird alles gut. Glauben Sie dem Betroffenen einfach, dass er das schon versucht hat und damit gescheitert ist, weil die Ursache für die Essstörung tiefer liegt. Aber das ist nicht Ihre Baustelle.

Wenn Sie merken, dass die Emotionen bei Ihnen jedes Mal hochkochen, gehen Sie auf Distanz und schützen Sie sich selbst. Mit gesundem Egoismus zur Selbsterhaltung helfen Sie sich und dem Betroffenen eher, als wenn Sie krampfhaft die Stellung halten. Vielleicht bedeutet dieser Schnitt das Ende einer Beziehung, vielleicht ist es nur eine Pause. Bedenken Sie, dass auch Sie ein Teil des Problems werden können, wenn Sie selbst zu stark involviert sind. Es ist nicht Ihr Kampf, folglich können Sie ihn auch nicht gewinnen. Deshalb ist Selbstschutz für Sie als Außenstehender oberstes Gebot.

Im Rausch. Schweden-Krimi bei Midnight Ullstein

Die 15-jährige Tuva Eklund hat alles, was man sich wünschen kann: Eltern, die sie lieben, es mangelt ihr an nichts und ihr Dealer Tom versorgt sie regelmäßig mit neuem Stoff. Doch dann gerät ihr vorsichtig austariertes Leben aus dem Gleichgewicht, als sie einerseits die Nachricht vom Tod ihres Onkels und ihrer Tante erreicht. Und sie andererseits herausfindet, dass sie wahrscheinlich adoptiert wurde. Bei beidem scheint irgendetwas faul zu sein. War der Tod ihrer Verwandten wirklich ein Unfall? Und wieso gibt es keine offiziellen Papiere zu ihrer Adoption? Kurzerhand nimmt sie Reißaus und steigt zu Tom und seinem großem Bruder David ins Auto. Denn auch die beiden sind quasi auf der Flucht. Nur vor was oder wem wollen sie Tuva nicht sagen. Und während die drei quer durch Europa kurven, ist nicht nur die Polizei hinter ihnen her, sondern auf einmal auch der schwedische Geheimdienst …
Im Rausch  von Mikaela Sandberg. ca. 230 Seiten, ISBN 978-3-95819-122-8, 3,99 €
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Mikaela Sandberg bei Midnight Ullstein
 

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Emotionale Ambivalenz

In der Fachliteratur wird die Anorexia nervosa als seltenste und zugleich schwerste Form der psychischen Erkrankungen bezeichnet. Die Behandlungsdauer von mehreren Jahren – auch ohne Erfolgsaussichten – macht Außenstehenden Angst. Man will sich abwenden, weil man den Prozess selbst nicht erträgt, kann es aber nicht, weil man befürchtet, den Betroffenen mit dem Verhungern allein zu lassen.

Ebenfalls erschreckend ist, dass jeder mindestens eine Person mit einem gestörten Verhältnis zur Nahrungsaufnahme zu kennen scheint. Die persönlichen Berichte decken sich in etwa. Man stolpert beim Verhalten über die unglücklichen Paarungen Kontrollzwang und Maßlosigkeit, Selbstzerstörung und Angst vor Krankheiten, Depressionen und Manien, die eine freundschaftliche oder familiäre Beziehung schwierig bis unmöglich machen.

All das führt anscheinend dazu, dass man Anorexie trotz eindeutiger Faktenlage weder emotional noch rational verarbeiten kann. Wie sonst bedingen sich so widersprüchliche Verhaltensformen?

Aufgrund dieser Komplexität resultieren darauf für Betroffene und Angehörige immer wieder die gleichen Fragen, ohne dass darauf Antworten gefunden werden können:

Was? Essen soll schwierig sein? Das ist doch die Grundlage des Lebens! Aber wenn ich die Betroffene am Tisch sitzen sehe, verstehe ich plötzlich, warum sie nicht essen kann.

Jemand stößt dich mit aller Macht weg, obwohl er deine Hilfe braucht? Krass. Es ist für dich eigentlich nur eine Frage der Zeit, wie lang du dieses Spielchen mitmachst. Aber kaum hast du dich entschieden, den Betroffenen gehen zu lassen, treibt dich dein schlechtes Gewissen zu ihm zurück.

Wieso müssen gerade Jugendliche, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben, daran erkranken? Was treibt Erwachsene dazu, ihrem Körper die Lebensgrundlage zu entziehen? Und warum wird „Schlanksein“ positiv gefördert, obwohl die Folgen für Betroffene unübersehbar sind?

 

Auch Verzicht und Gier werden einander gegenübergestellt, obwohl die emotionalen Grenzen fließend sind: Der Verzicht auf Essen wird bei Adipositas positiv empfunden, wenn er nicht sogar als Gesundheitsmaßnahme gefördert und aktiv unterstützt werden muss. Ist dagegen schon jemand „dünn“ oder untergewichtig, wird der scheinbare Verzicht oft als Trotz oder Sturheit bezeichnet, die Not dahinter jedoch oft nicht erkannt. Entsprechend ablehnend kann die Reaktion des Helfers ausfallen, obwohl der Untergewichtige Unterstützung bräuchte, um wieder essen zu können, genauso wie der Übergewichtige jemanden braucht, der ihm hilft, mit dem Essen aufzuhören. Aber wer setzt sich schon freiwillig zu jemandem an den Tisch, der verbiestert auf seinen Teller starrt?

In der Literatur findet man den „gemütlichen Dicken“, der (positiv) zum Verweilen einlädt. Auf der anderen Seite steht der Archetyp der „geizigen Dürren“, die einem wahrscheinlich noch das Wenige, das man selbst hat, wegnimmt. Aber sind Adipositas-Betroffene wirklich gemütlicher als Anorexie-Betroffene? Zeugt „großer Appetit“ wie bei Gustav Gans nicht auch von der Unfähigkeit, sich zurückzuhalten oder etwas mit anderen zu teilen? Oder lässt man sich wieder von den Äußerlichkeiten täuschen?

Weiterhin muss man sich fragen, ob Außenstehende mit all ihren Ängsten und Enttäuschungen, die sie bereits mit Betroffenen erlebt oder von denen sie gehört haben, einigermaßen vorurteilsfrei hinter die körperlichen Fassaden blicken können.

Und sind Essstörungen aufgrund der Faktenlage demnach wirklich ein Thema für die Belletristik? Sollten sie nicht doch lieber in der Schublade bleiben?

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Faktenbasierte Recherche hilft nicht gegen Hilflosigkeit

Ich habe mir für den vorliegenden Roman sowohl einschlägige Fachliteratur besorgt als auch das Internet durchforstet. Anfangs ging ich davon aus, dass die Recherche der medizinischen Daten die anspruchsvollste Aufgabe wäre, weil die schiere Menge auf den ersten Blick riesig erschien. Tatsächlich stellte es sich als emotional wesentlich belastender heraus, dass sowohl in der Literatur als auch in Internetartikeln der Schluss gezogen wird: Es gibt keine echte Heilung, denn irgendetwas bleibt immer zurück.

Dazu kommt die offene Unterwanderung durch die Bewegungen ProAna und ProMia. Ich habe irgendwann nicht mehr gezählt, über wie viele geschlossene Foren für Betroffene und ihre Angehörigen ich gestolpert bin. Die als gelöscht angezeigten Threads auf aktiven Websites füllten mitunter Dutzende Seiten. Fand ich trotzdem einen halbwegs aktuellen privaten Blog, führten immer wieder externe Links zu ProAna- oder ProMia-Seiten. Oder ich stieß auf einen Blogbeitrag mit unverhohlener Werbung für ATTE – Ana till the end.

Kurz: Der Eindruck, den ich vom Krankheitsbild Anorexie gewann, war schockierend. Wollen die Betroffenen überhaupt gesund werden? Anders konnte ich mir den Todestrieb, der in aller Öffentlichkeit zelebriert wird, nicht erklären.

Ich nahm zunächst Abstand von dem Projekt, weil ich mich emotional überfordert fühlte, und wandte mich „leichteren“ Themen zu. Erst nach einer Weile gelang es mir, mir meine eigene Haltung bewusst zu machen. Wenn jemand so offensichtlich aggressiv gegen sich vorgeht und damit auch die Hilfe anderer boykottiert, fühlt man sich als Außenstehender hilflos, besonders angesichts einer vermeintlich willentlich herbeigeführten und vor allem lebensbedrohlichen Situation.

Ich nahm mich als Betrachter erst einmal zurück und versuchte zu begreifen, dass von außen wahrgenommene „Anomalien“ ein Ausdruck der Störung sind, genau wie bei anderen psychischen Erkrankungen auch. So sollte man z.B. die aggressive Ablehnung durchaus als Hilferuf deuten, und zwar in beiden Ausprägungen der Essstörung: Es sind sehr starke Autoaggressionen nötig, um zu viel als auch zu wenig Nahrung zu sich zu nehmen, um den Impuls der Sättigung bzw. des Hungers umzudeuten, sodass die idR bekannten gesundheitlichen Folgen ausgeblendet werden können.

Genauso scheint die Umdeutung des Schmerzes bei anderen Ausprägungen autoaggressiven Verhaltens zu funktionieren. Statt die Emotionen nach außen zu tragen, richtet der Betroffene sie aufgrund gefürchteter Sanktionen, geringem Selbstwertgefühl o.ä. gegen sich. Könnte es demnach am entscheidenden Impuls liegen, der den Betroffenen dazu veranlasst, sich in Kombination mit seinen bisherigen Erfahrungen unbewusst für die Essstörung zu entscheiden? Ist die Essstörung am Ende nur die Maske einer Ansammlung anderer Probleme, die den Betroffenen belasten? Hätte er oder sie vielleicht genauso gut anfangen können, sich zu ritzen, Drogen zu nehmen o.ä.?

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