Es war einmal: Weihnachten ist doof

Daliborka: Das Geheimnis der Freiheit. Fantasy

In einem offenen Brief an die Stadtverwaltung von Himmelspforten schrieb Herr A. N. folgende Nachricht:

Sehr geehrter Herr Weihnachtsmann, liebes himmlisches Weihnachtspersonal, liebe Ren- und andere Tiere,

ich habe mir dieses Jahr geschworen, Weihnachten ausfallen zu lassen wie der Winter den Schnee in der Wüste. Was gibt es denn zu feiern? Eine sogenannte Wirtschaftskrise ist über Europa hinweggefegt, dass jeder anständige Taifun neidisch wird. Trotzdem tapern auch dieses Jahr wieder alle fröhlich in die Geschäfte und schwelgen im Konsum. Kein Geld in der Tasche, aber alles ausgeben, dafür jetzt ohne schlechtes Gewissen, denn man will sich ja – ACHTUNG! – beschenken.

Warum auch nicht? Die Schokolade ist genauso teuer wie den Rest des Jahres, dafür hat sie jetzt aber mindestens vier Monate an der Kasse gestanden. Die muss man nicht mehr kauen, sondern kann sie sich gleich in den Mund bröseln. Und das gibt keine Ablagerungen zwischen den Zähnen, heureka! Gleich die Zahnarztgebühr im Januar gespart!

Selbst die Ramschläden haben Hochkonjunktur. Warum das teure Negligée für die Gattin im Fachhandel erstehen, wenn es doch zwischen Norma und Lidl noch diesen herzigen kleinen, wenn auch schlecht gelüfteten Chinaladen gibt, wo man garantiert mit Kinderarbeit hergestellte Billigwaren erstehen kann? Strapse für 50 ct, ein BH in der falschen Größe für 2 Euronen. Macht nix, wenn es wieder so viel zu essen gibt wie letztes Jahr, wächst die Gattin vielleicht noch hinein. Und das gute Weichmacherspielzeug für die Jüngsten, damit Ruhe im Karton ist.

Überhaupt Spielzeug. Davon kann man nicht genug in die Wohnung stellen, damit man in Ruhe vorm Fernseher mit den zukünfigen Millionären Deutschlands mitfiebern kann. Dass man die Lösungen höchstens bruchstückhaft an den nölenden Nachwuchs weitergibt, ist egal – dabei sein ist alles! Das ist sogar griechisch, weil – äh – ja, warum eigentlich?

Egal. Für Kultur sorgt die Merry-Christmas-CD mit allen Lieder von Bing Crosby bis Wham, die gabs im Juli im Ausverkauf, könnte man notfalls brennen und der Erbtante schenken.
Der Heilig Abend in der Kirche – na ja, das gehört einfach dazu, denn die Bibel selbst lesen ist bei dem Weihnachtsbaumgefunzel nicht gut für die Augen, erhöht das Cholesterin. Nicht jedoch der Super-Mast-Truthahn, den Mutti im Schweiße ihres Angesichts bestimmt wieder ab Mittag in der Röhre betreut.

Wie bitte? Sie finden, das ist das übliche Feld-Wald-und-Wiesen-Genöle, das man gerne als sogenannter Kritiker dem geballten Jubelrausch entgegen setzt, weil es in gewissen Bevölkerungskreisen zum guten Ton gehört, das ganze Proletariat und seit Neuestem auch das Prekariat in all seiner Einfachheit zu verachten? – Vielleicht.

Aber vielleicht regt es mich einfach nur auf, dass wieder keiner kommt und die alten Weihnachtslieder mit mir singt. Dass man Omma den Mund mit Truthahn und Rotkohl stopft, damit sie nicht wieder von dem Horrorwinter 45/46 erzählt, wo sie nur die Fingernägel zum Beißen hatten und sogar das Feuerholz ausgegangen war. Weil in anderen Ländern der Welt nicht gefeiert wird, weil man dort zwischen all dem Wohlstandsmüll noch keinen Plastiktannenbaum gefunden hat, mit dem man das ach so europäische Leben kopieren kann. Und weil der ganze Mist, der am 27.12. in irgendwelchen Ecken unserer Behausungen landet, zu großen Teilen unter Bedingungen hergestellt wurde, für deren Beseitigung wir brav Beiträge bei amnesty international, terres des hommes und UNICEF zahlen – damit wir beruhigt schlafen können.

Deshalb bitte ich Sie, dieses Jahr einen großen Bogen um mich und meine Familie zu machen. Wir haben schon genug Müll und Sorgen, wo wir unser Hab und Gut unterbringen sollen. Statt dessen sind unsere Köpfe leer und die Mägen zum Bersten gestopft. Wahrscheinlich wegen der Leere in den Herzen. Sollten Sie jedoch etwas haben, das innere Wärme spendet, freue ich mich auf Ihr Erscheinen, ich zahle jeden Preis.

Mit freundlichen Grüßen

A. Nonymouse

Die Liebe meines Lebens

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