Confessions Of A Storyteller: Die liebe Familie

Von Bettina Unghulescu – zuerst veröffentlicht am 16. Juli 2014
Anm. der Verlegerin: Man merkt, dass es mit Alicia aufwärts geht. Und dass sie immer tiefer ins Nähkästchen schaut, um daraus zu plaudern, hat was 🙂

Boah, gab das einen Aufruhr, als im April 2013 der Brief mit dem Verlagsvertrag auf dem Tisch lag! Kind & Kegel überschrien sich fast vor Begeisterung, als ich am Abendbrottisch mit dem unterschriebenen Exemplar wedelte und stolz verkündete: “Jetzt bin ich offiziell Autorin!” Das gute Stück wäre beinahe in Fetzen gegangen, so eilig wollte jeder lesen, was die Verlegerin und ich vereinbart hatten.
Zuerst war die Begeisterung groß. Meine Älteste musste unbedingt allen ihren Freunden mitteilen, dass ihre Mutter jetzt eine JKR wäre, also ein Klon der Harry-Potter-Erfinderin und bald so reich, dass wir in absehbarer Zeit unsere Residenz im Nürnberger Stadtteil Erlenstegen beziehen könnten. Um dieser Aussage Nachdruck zu verleihen – und wohl auch, um mich anzuspornen – lud sie gleich alle zur großen Einweihungsparty ein.

Die Begeisterung ließ, wie das so ist, nach zwei Wochen ein bisschen nach, denn es waren ja noch rund 5 Monate bis zur Veröffentlichung des ersten Bandes. Die Arbeiten, die jetzt auf mich zukamen – Verbesserungen nach dem Lektorat, Coverbesprechungen und -termine, schließlich die nervenaufreibende Sichtung der Druckfahne bis zum Abwinken etc. -, wurden ungefähr bis Anfang August auch billigend in Kauf genommen. Dann begannen die bayerischen Sommerferien und damit die “veranstaltungsfreie Zeit” für Kinder, in der es für Eltern manchmal etwas kniffelig ist, gegen die Superprogramme der Vorzeigefamilien im Viertel anzustinken. Die Große zog sich, vom neuen Haus träumend, in ihr Zimmer zurück und hörte den ganzen Tag irgendwelche Strandschlager. Bestimmt stellte sie sich dazu das passende Ambiente in unserer “neuen Residenz” vor. Die gibt es übrigens immer noch nicht und es wird sie wahrscheinlich auch nicht geben, denn erstens verdient man als Jungautor noch nicht so viel, dass man mit dem Ertrag ohne Not um sich werfen könnte, und zweitens habe ich nicht vor, mir eine Putzfrau einzustellen – oder glauben Sie, ich kümmere mich freiwillig um so einen riesen Luxuskasten?
Die Kleine war eher drauf aus, die Fortsetzung so schnell wie möglich in die Griffel zu bekommen. Die Bände 3 und 4 waren aber noch längst nicht soweit, dass ich sie jemanden hätte zeigen wollen. Und so hatte ich entweder die Große im Nacken (“Meine Freunde wollen wissen, wann wir endlich umziehen!”) oder die Kleine auf dem Schoß, die es spaßig fand, mir beim Schreiben der Fortsetzung zuzuschauen und mich mit ihren Tipps aus der Fassung zu bringen. Nun denn! Die Entwicklung der Verkaufszahlen war für sie demnach genauso unwichtig wie für meinen Mann, der das Ganze als netten Zeitvertreib sieht, mit dessen Einkünften man das eine oder andere Essen in einem Restaurant finanzieren kann.

Aber meine Große grollt mir inzwischen. Sie kann nicht verstehen, warum Harry Potter um ein Vielfaches erfolgreicher ist als meine vier Ballettbüchlein und platzte letzte Woche heraus: “Ich glaube, du hast mit Absicht bei Hella einen weißen Fluch bestellt, der verhindert, dass du genügend Geld für ein Haus in Erlenstegen verdienst.” – Jeder hat so eine(n) Bekannte(n), der entweder das zweite Gesicht – ganz ohne Botox – hat oder sich mit der “anderen Welt” auskennt. Bei der besagten Hella würde ich allerdings eine andere Leistung gegen Geld anfordern, denn meine Putzlust ist nicht größer geworden. – Tja, was soll man dazu sagen? Jedenfalls wurde die aktuelle Schreibblockade als absichtlich von mir initiierter Grund von meiner Großen ausgelegt, NICHT nach Erlenstegen zu ziehen. Vielleicht hat sie auch eingesehen, dass man mit Buchstaben nicht ohne Weiteres reich werden kann.

Trotzdem fragt sie einmal pro Woche, wann sie die Umzugskisten von ihrer besten Freundin holen soll, denn es würde ja, da ich weiterschreibe, offensichtlich bald wieder losgehen und dann sicher “mehr Kohle dabei rumkommen”. Ob ich sie für gierig halte, fragen Sie sich? – Nein. Ich denke, das ist ihre ganz eigene Art mir zu sagen, dass sie nach wie vor an mich glaubt. Und das tut richtig gut.