Confessions Of A Storyteller: Die Welt auf meinen Schultern …

Von Bettina Unghulescu – zuerst veröffentlicht am 14. Juli 2014

Ich will mich ja gar nicht beschweren. Nach dem x-ten Gespräch über Verkaufszahlen und die Notwendigkeit, einen Plan B aus der Schublade zu ziehen, habe ich mich inzwischen ganz gut mit dem neuen Konzept angefreundet. Es bringt zwar jede Menge Nacharbeit mit sich, weil die Verlegerin darauf besteht, dass ich nicht “ins Blaue hinein” schreibe. Aber gut, so ist das eben im Auftrags-Business.
Je mehr ich recherchiere, desto mehr stellt sich mir die Frage, ob ich mir die Mühe nicht sparen sollte. Braucht die Welt noch mehr Ballettromane à la Mirowna? Wäre der Menschheit nicht mehr geholfen, wenn ich mich mit aktuellen Themen wie dem Ebola-Virus, der Ukraine-Krise, der europäischen Asylpolitik etc. pp beschäftigen und meine Gedanken dazu niederschreiben würde? Die Verlegern stimmte nicht sofort zu, als ich sie darauf ansprach; anscheinend hatte sie sich diese Frage auch schon gestellt.
“Es kann ja sein, dass deine Ballettromane indirekt einen Teil der Antwort auf diese ganzen Krisen in sich bergen”, antwortete sie nach einer Weile.
“Ballett stoppt den Ebola-Virus?”, fragte ich entgeistert.
“Warum nicht?” Ihre Stimme klang, als wollte sie lachen. “Angenommen, du hast einen Fan, der alle deine Bücher gelesen hat. Dann äußerst du dich zu einem wichtigen Thema – der Lauschangriff der Bundesregierung oder so, und er liest es zufällig. Rein theoretisch könnte deine Meinung in dem Moment auf ihn Einfluss haben, weil er deine Bücher und deine Art zu denken gut findet.”
“So ein Blödsinn”, grummelte ich.
“Kannst du mir das Gegenteil beweisen?”, hielt die Verlegerin dagegen.
Das konnte und kann ich natürlich nicht. Aber ist es nicht anmaßend, diesen Gedanken überhaupt zu denken? Ich erinnerte mich an eine Diskussion auf einer Rezensionsplattform, in der es darum ging, ob man als Erwachsener noch mit dem Ballett anfangen kann. Jemand äußerte abschließend, es auf jeden Fall probieren zu wollen und steht seitdem vielleicht sogar regelmäßig an der Stange. Die Diskussion kam in der Zusammenstellung nur auf, weil die Verlegerin meine Bücher verloste – und somit hatte ich bereits Einfluss genommen.

Mir läuft es zwar nicht kalt den Rücken hinunter, wenn ich darüber nachdenke. Schließlich schreiben z. B. Horror-Autoren ihre Geschichten auch, damit die Leser sich gruseln und nehmen in Kauf, dass sie ggf. nach der Lektüre nicht schlafen können. Oder Liebesroman-Autoren. Fantasy-Autoren. Sachbuch-Autoren. Alle schreiben zum Zweck der Erbauung und Unterhaltung. Und haben damit Einfluss auf die Leserschaft. Wie viel Verantwortung lastet demnach auf mir, wenn ich von Kindern schreibe, die ihre Eltern belügen, um zum Ballettunterricht gehen zu können oder von Mädchen, die sich zu Tode hungern, um aus einer unglücklichen Familienkonstellation zu entfliehen?
“Wenn du dich da noch mehr hineinsteigerst, sollten wir ernsthaft überlegen, ob wir deinen Vertrag nicht eine Weile ruhen lassen”, hörte ich die Verlegerin sagen. “Erzähl deine Geschichte und sei dir darüber im Klaren, dass du damit die Leser beeinflussen kannst. Ach ja, das gilt auch für Rechtschreibfehler.”

Ich hätte sie mal wieder an die Wand klatschen können.