Confessions Of A Storyteller: Sommerlicher Sinkflug

Von Bettina Unghulescu – zuerst veröffentlicht am 12. Juli 2014

Die Verlegerin hat mir schon öfter erklärt, wie sich die Verkäufe über das Verlagsjahr verteilen, jedes Mal mit einer Engelsgeduld und vielen bunten Diagrammen. Und trotzdem reißt es mich jedes Mal runter.

Ganz zu Beginn unserer Zusammenarbeit, als noch nicht mal das Wort “Vertrag” in unsere Gespräche Eingang gefunden hatte, haben wir in jeder Hinsicht Offenheit vereinbart: Gedanken, Ideen, Fragen, Unmut, Kritik – alles wird geäußert, und sei es noch so unangenehm. Deshalb bin ich seit dem ersten Tag auch über die Verkaufszahlen auf dem Laufenden. Nach anfänglichem Dahindümpeln kam Anfang November 2013 der erste Schub, der uns, wie die Verlegerin damals sagte, “ein erfreuliches Hoch” bescherte. Meine erste Margenabrechnung war so gehaltvoll, dass ich meine Familie zu einem reich- und nachhaltigen Essen beim Edelitaliener einladen konnte. Die Ausbeute nach der Leipziger Buchmesse war im März und April noch erfreulicher, obwohl der Verlag sich dort nicht mit einem Stand präsentiert hatte. – Und dann kam der Mai.

Zum Glück war der vierte Band “Traumtänzer” zu dem Zeitpunkt, als wir uns wieder einmal in unserem Lieblingscafé trafen, um uns auszutauschen, bereits komplett für die Veröffentlichung “abgewickelt” und wartete nur noch auf den 5. Juni, den “Tag der Erstausgabe”. Die Verlegerin sah so entspannt aus wie immer, als sie die Tabellen auf den Tisch legte und salbungsvoll etwas von Verkaufszyklen, Produktlebensdauer und Saure-Gurken-Zeit in der Branche erzählte. Mir war klar, das sie mir damit nur den “saisonal bedingten Rückgang” der Verkaufszahlen meiner Herzblut-Ballettromane erklären wollte.

“Misserfolg? Iwo! Das ist ganz normal. Die Leser kaufen ab kurz vor der Frankfurter Buchmesse von Oktober bis Anfang Januar. Dann kommt ein Loch bis Mitte März. Pünktlich zur Leipziger Buchmesse decken sich die Käufer mit neuem Lesestoff ein. Im April kommt die Nachwehe, in der das gekauft wird, was man beim ersten Mal nicht geschafft hat, und von Ende Juni bis Anfang August wird für den Sommerurlaub vorgesorgt.”
“Ach”, meinte ich nur und weinte eine Träne in meinen Kaffee.
“Ja”, die Verlegerin nickte, “du brauchst dir also überhaupt keine Sorgen zu machen.”
“Aber was ist, wenn der Trend nach unten anhält?”, schluchzte ich.
Die Verlegerin schaute mich einen Moment an, als wollte sie mich in den Arm nehmen. “Dann überdenken wir unser Konzept einfach noch mal. Manche Sachen funktionieren anders, als man denkt.”
“Aber meine Bücher sind doch keine Maschinen!”, widersprach ich wütend.
Die Verlegerin schwieg. Auf ihrer Stirn stand “Doch”, aber sie sprach es nicht aus. Stattdessen lehnte sie sich zurück und schaute eine Weile aus dem Fenster. Schließlich sagte sie: “Bücher sind aus der Sicht eines Verlegers in erster Linie Waren und dann erst Literatur. Und genau wie bei jedem anderen Produkt gibt es Lebenszyklen, Verkaufskurven und Kalkulationen.”

Wie oft hat sie mir das jetzt schon erzählt, viermal, fünfmal? Ich finde es nach wie vor ungeheuerlich, dass sie mir das zumutet. Ist doch schizophren, Kultur wie eine Ware auf den Markt behandeln, Kultur ist doch Ausdruck einer Entwicklung, einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, Kultur ist …
“Luxus”, fiel sie in meine Gedanken, als hätte sie mir angesehen, was mir durch den Kopf ging. “Mit Luxusressourcen geht man vorsichtig um. Und genau das führt manchmal dazu, dass das Interesse nachlässt, weil es sich nicht jeder leisten kann oder will oder sich nicht dafür interessiert. Oder weil es sich schlichtweg nicht genug am Mainstream orientiert.”

Eigentlich habe ich keine Lust, mich daran zu richten, was die breite Masse will, auch wenn es mit Ballett eigentlich ganz einfach ist. Ich will erzählen, was sich in meinem Kopf zu dem Thema abspielt, nichts anderes!
“Schön und gut”, meinte die Verlegerin unbeeindruckt, “aber das schränkt auch die Zielgruppe ein. Vielleicht haben wir deine Zielgruppe schon abgegrast und es wird nie mehr als in den Wintermonaten.”

Pragmatismus ist manchmal sooo zum Kotzen! Es dauerte eine Weile, bis sie mich davon überzeugt hatte, dass eine Überarbeitung des 2. Zyklus vielleicht ein guter Weg wäre, an die Erfolge des Winters anzuknüpfen. Letztlich hatten wir ein paar gute Ideen für die Entwicklung. Aber ein schaler Nachgeschmack blieb. Zahlen bestimmen über meine Kreativität … ist das nicht schrecklich?