Es war einmal Bettina Unghulescu, die Verlegerin der Teilzeit-Autorin: Semantische Schmerzen

Von Bettina Unghulescu – zuerst veröffentlicht am 15. Juli 2014

Schenkelklopf und Tischkantebeiß, das war ein Nachmittag! Wie gut, dass ich in der letzten Reihe saß, als Frau B. ihren Text zum Besten gab, dort konnte ich lachen, bis mir die Tränen kamen. Und weil sie es niemals zugeben würde, sage ich es hier noch mal in aller Deutlichkeit: Sie hat sich vor mir auf die Knie geworfen, weil ich daran gedacht habe, den Text zusätzlich auszudrucken und ihr eine Blamage erspart habe – denn die gute Frau hatte ihr Leseexemplar zu Hause liegen lassen. Von wegen, Verleger sind Deppen!

Aber der eigentliche Grund dieser Glosse ist ausnahmsweise nicht der, über mein Alter Ego herzufallen. Nein. Ich habe auf meinem Stuhl in der jeweils letzten Reihe eifrig mitgeschrieben und frage mich, welcher Lektor geteert und gefedert gehört – wahrscheinlich alle, die irgendwie beteiligt waren. Wie sonst kann man sich die nächsten Fehler erklären? Ich möchte Ihnen, liebe Autoren, diese Liste ans Herz legen. Denn wenn Sie das nächste Mal eine Absage von einem Verlag bekommen – ja, es gibt noch Autoren, die mit uns Verlegern zusammenarbeiten möchten! – dann schauen Sie Ihren Text bitte mal auf die folgenden Klopfer durch. Die Nachwelt wird Ihnen Kränze flechten.

Wir starten mit einem beißfreudigen Zeitgenossen, der zudem formulierungstark in die Landschaft eingreift. Anfangs dachte ich, dass hinter diesem Text ein Zahnarzt steckt. Dem ist aber nicht so.
Seine Wangenknochen mahlten mit den Zähnen, während der Blick von den vom hellen Vollmond beschienenen Feldern hinauf zum Sternenhimmel wechselte.

Diesem Wortschöpfer möchte ich leise raten, seine alten Freunde wieder aufzusuchen, denn sie hatten bestimmt weniger Schwierigkeiten bei der Formulierung unkomplizierter Sätze:
Wenn ich mir die Jungs heute ansehe, mit welchen Werten sie ihr Dasein fokussiert haben, bin ich froh, mittlerweile eine andere Sichtweise gewonnen zu haben.

Dieses hier wiederum lässt mich fragen: Welche Art von Beziehung führen diese beiden?!
Er entnahm seiner Freundin den kleinen schwarzen Peilsender.

Und dann der fatalistische Blick aufs Leben … manchmal sollte man einfach liegenbleiben:
Erst gegen Mittag wurde es kein bisschen heller.

Dieser Satz fand sich auf einem unschuldigen Flyer einer eigentlich qualitativ hochwertigen Veranstaltung. Ich weiß, dass es ums „Kickern“ ging. Dieser Verschreiber ist aber auch nicht schlecht:
… und wer es lieber sportlich mag, kann mit seinem Partner am Kicherturnier teilnehmen.

Dieser Satz fand sich in einer E-Mail, die die selbe Veranstaltung betraf. Und wieder die Frage: Welcher desolate Beziehungshintergrund hat zu dieser orthographischen Fehlleistung geführt?
Also erst einmal der Klappentext ist nun richtig gut geworden, mit einer einzigen Ausnahme. Wenn Du aus dem “Ehelalltag” noch einen “Ehealltag” machst.

Inzwischen kann man leider auch in der Literatur einen eklatanten Mangel an Naturkenntnissen feststellen:
Die mit Bäumen überwachsene Lichtung …

Dieser Verfasser geht in seiner Fantasywelt noch einen Schritt weiter. Dort schafft er gleich ganz neue Gesetzmäßigkeiten:
Dann erreichten sie die hügelige Ebene.

Dieser Satz stammt wahrscheinlich von einem alten Seebären, vielleicht sogar einem Piraten der alten Schule, der weiß, was zu viel Wasser mit den Knochen anstellen kann:
Das Wasser hatte eine schwarze Farbe angenommen, nur die Gicht schimmerte hell im Schein der Lampe.

Auch böse Haustiere finden hier ihren Platz:
Eine Gänsehaut überfiel sie.

Dieser grammatisch vollständige Satz dürfte für Orthopäden interessant sein. Ob der Proband noch lebt?
Er wand den Kopf.

Ja, es gibt sie, die Vampire, Werwölfe, Zombies und Menschenfresser:
Sie könnte sich an deinen Geschichten erfreuen. Oder sie könnte sich an meiner Gesellschaft gütlich tun.

Aber vielleicht hat der Autor schlicht und ergreifend:
… überdramatisiert …

Manche Dinge wiederholen sich so häufig, dass man die Quintessenz herausziehen muss, um am Ende nicht einen 500-Seiten-Wälzer vorzulegen:
– gebogene Krummsäbel
– bodenlange Kleider, die bis auf die Erde reichten
– absolut runde Kugeln
– flache Berge

Und wieder eine medizinisch durchaus interessante Angelegenheit, diesmal für die Hobby-Ophthalmologen unter den Lesen:
Der Einäugige kniff die Augen zu und betrachtete die hell erleuchtete Höhle in den Schatten.

Doch manchmal hilft nur noch Katharsis:
Finales Grinsen grassierte über meine hochgezogenen Mundwinkel und ließ die Ohren clownesk vibrieren.

Zum Schluss das Zitat eines Kollegen, der es eigentlich nur gut gemeint hat, aber auch nicht gegen die kleinen Aussetzer gefeit ist:
Habe jetzt noch einen Redakteur-Job: bin zum Rasenden Reporter für Poeten gegen Anaplphabetismusm designiert worden …

Also, liebe Autoren, alles halb so wild, wenn man darüber lachen kann. Ich erwarte diesbezüglich Ihre Zuschriften! Und weil mein Alter Ego mir mit Meuterei droht, darf sie sich der nächsten Glosse annehmen, die da heißt: „Geheimnisse außerhalb der Geschichten“. Was immer sie auch darunter versteht …