Es war einmal Bettina Unghulescu, die Verlegerin der Teilzeit-Autorin: Cassandras Worte oder wenn Autoren flügge werden

 

Von Bettina Unghulescu – zuerst veröffentlicht am 4. Juli 2014

Ja ja, die Kollegen Autoren. Auch sie sind zu Metamorphosen fähig … übrigens, hier spricht nicht die Polizei, sondern die Verlegerin. – Wie? Ja, Sie lesen richtig. Meine Teilzeitautorin habe ich beurlaubt. Sie ist nicht die Richtige für diesen Artikel. Ihr fehlt die Expertise. Zu dieser Meinung bin ich gekommen, nachdem ich ihre ersten Glossen gelesen habe. Meint wohl, sie kann alles schreiben, ohne dass eine Zensur … Wobei es den berühmten Backlash ja schon gab. Erinnern wir uns an den Beginn des Jahres 2012, als eine Hobbyrezensentin ihre Meinung in ihrem Blog kundtat, was den Autor störte. Die Folge war ein Shitstorm erster Klasse gegen den Autor, der dazu führte, dass … Aber ich schweife ab.

Ja, wirklich, ich mag emanzipierte Autoren, männlich wie weiblich. Auch wenn sie so emanzipiert sind, dass sie eines Tages auf ihrem Urheberrecht bestehen, alle Vertriebsrechte für ihre Buchtitel zurückfordern und künftig auf Freiersfüßen wandeln. Von mir aus – gerne. Die Gründe für diese Emanzipation liegen zu 99,9 % im finanziellen Bereich. Dass nicht jedes Buch ein Bestseller werden kann – die Antwort erübrigt sich! Und dass ein Kleinverlag vielleicht auch nicht der richtige Distributionspartner ist – tja, das gibt es. Und weil ich ein netter Mensch bin – wehe, Sie lachen! – habe ich den Autoren, die sich von mir losgesagt haben, bisher immer meine Unterstützung zugesagt, gelächelt und – danach habe ich nie wieder etwas von ihnen gehört. Und ich hatte so eine Ahnung, dass diese Entwicklung gewaltig nach hinten losgehen könnte, weil mir das alles irgendwie bekannt vorkam …

Es gab auch andere Zeiten. Da war ich selbst noch so ein Stürmer und Dränger und dachte, die Welt wäre mit einem Fingerschnipp bzw. einem Druckauftrag zu erobern. Da gab es den Verlag erst ganz kurz –  und ich wollte nur meine eigenen Ergüsse in die Welt setzen. Das adelte mich aber nur so lange, bis ich mit einem Autorenforum in Berührung kam. 2007 war das. Ich hatte gehört, dass solche Foren gut sind, um Kontakte zu knüpfen, also stürzte ich mich in das eines Print-on-Demand-Anbieters. Was waren wir nicht alle fesch! Jeder hatte das Buch im Angebot, und alles ohne Verlag! Wir waren ja sooo klasse! Jedenfalls in diesem Forum.

Aus „Cross-Over-Gründen“ schaute ich mir ein anderes Forum an. Und dort wehte ein anderer Wind, um nicht zu sagen ein Sturm der Ablehnung gegen Selbstverleger, wie ich auch (noch) einer war. „Ein selbstverlegtes Buch kann man auch im Copyshop herstellen“, ereiferte sich da ein User, „nur eine Verlagsveröffentlichung zählt!“ Tatsächlich? Na ja, wenn ich mir ein paar der selbstverlegten Bücher anschaue, dann gebe ich dem User auch heute noch Recht. Aber gleich so böse zu werden … Ein anderer Punkt machte mich viel nervöser, denn das Kürzel DKZV hatte schon einige Autoren hingerichtet, wie ich in diesem und den nächsten Foren erfuhr. DKZV – das heißt nicht Dämonisches Konzil zur Vernichtung wovon auch immer, sondern DruckKostenZuschussVerlag. Und das wären die ganz schlimmen Finger, denn sie ziehen den Autoren Geld aus der Tasche und bringen die Bücher gar nicht in den Buchhandel. Also böse, böse, her mit dem Knoblauch, das wollen wir natürlich nicht! Warum es aber schlechter sein soll, ein ordentliches Buch von einem DKZV zu haben, als ein qualitativ wahrscheinlich weniger gutes Buch ohne zusätzliche Kenntnisse selbst herauszugeben – dieses Geheimnis habe ich bis heute nicht ergründet. Immerhin geben DKZ-Verlage Büchern eine Chance, die qualitativ oder thematisch auf dem Markt gar nicht wahrgenommen würden. Aber das darf man natürlich nicht laut sagen, obwohl die Autoren das in der Regel wissen, wenn sie den Vertrag beim DKZV unterschreiben … Also lehnte ich mich zurück und beobachtete, welche Richtung die Diskussion über „gute“ und „böse“ Verleger, Selbstverleger, Print-on-Demand-Plattformen, DKZ-Verlage und dergleichen mehr nahm und sah zu, dass ich auch Fremdmanuskripte in die Finger kriegte. Man konnte ja nie wissen …

Zunächst wehrten sich die Selbstverleger, die sich die Dienste einer Print-on-Demand-Plattform, hinter der eine ganz normale Druckerei steht, zueigen gemacht hatten. Print-on-Demand bedeutet, dass ein Buch erst auf Bestellung gedruckt wird und man deshalb als Kunde nur die Datenhaltungs- und Druckkosten zu tragen hat. Ein so hergestelltes Buch ist pro Stück geringfügig teurer, weil die Druckmaschinen individuell auf jede einzelne Marge neu eingestellt werden müssen. Dazu kommen die Kosten für den Versand und den Menschen, der das Buch verpackt oder die Maschine dazu bedient hat. Alles in allem könnte man das als Arbeitsplatzerhaltungsmaßnahme ansehen. Aber die Selbstverleger fühlten sich ob des Windes, der ihnen aus den „traditionellen“ Buchsparten entgegenwehte, vergrätzt. Es ging so weit, dass nicht mal mehr Rezensenten PoD-Bücher lesen wollten. Die Selbstverleger diskutierten, ereiferten sich, verteufelten plötzlich ihre Dienstleister, weil er so schlechte Bücher herstellte und der Buchhandel sie nicht haben wollte usw. usf. Irgendwann wuchs die Erkenntnis, dass ein Dienstleister nur so gut drucken kann, wie das Material ist, das er bekommt – das man unter Umständen mit dem Kauf einer der gängigen Zusatzdienstleistungen verbessern kann. Aber kosteten natürlich mehr als anfangs „nur“ 150,- €. Was lag also näher, als sich zu einer Werbegemeinschaft selbstverlegender Autoren zusammenzuschließen? Irgendwie konnte man aus dem gesammelten Know-how bestimmt das perfekte Buchpaket erstellen. – Was soll ich sagen? Das Projekt scheiterte kläglich. Mindestens 50 Leute hatten tolle Ideen, über die sie so lange mit der ganzen Gruppe diskutierten, bis sich die eine Hälfte in der Wolle hatte. Die andere Hälfte verzettelte sich angesichts der Vielzahl der Ideen. Schließlich sollte ein Katalog gedruckt werden – aber wer sollte die Kosten dafür tragen? Wer machte das Layout? Und wer verschickte die Kataloge an welche Stellen? Die Diskussion endete damit, dass ein Administrator drohte, alle aus dem Forum zu entfernen. Denn einige Diskussionsteilnehmer hatten es vorgezogen, ihre Erkenntnisse an alle Diskutanten zu schicken, was bei einer am Wochenende geführten Diskussion zu einer E-Mail-Flut mit um die 200 Stück pro Postfach zu einem gelinden Montagsschrecken führte … Letztlich blieben die Autoren übrig, die schon einen eigenen Verlag gegründet hatten und einen Katalog drucken lassen wollten, was auch geschah. Problem gelöst, alle Selbstverleger waren glücklich – für’s Erste.

Dann beschloss Google, mit Amazon zu fusionieren, was die Suchfunktion betraf, wir erinnern uns. Was für eine Schlagzeile. Was für eine Hysterie! Plötzlich stand im Raum, dass man ab sofort bei Google kostenlos Buchtexte lesen könnte. KOSTENLOS. OHNE ZU BEZAHLEN. Einer meiner Autoren, nennen wir ihn Fred, lief beinahe Amok. „Nehmt mein Buch bei Amazon ‘raus!“, röhrte er in den Hörer. Ich brauchte 24 Stunden, um den Tinnitus zu überwinden. Trotzdem antwortete ich nach diesem Akustikgebläse innerhalb von 30 Sekunden, wie es sich für einen Dienstleister gehört: „Geht nicht. Die Amazondatenbank basiert auf dem VLB, dem Verzeichnis lieferbarer Bücher, in das alle angemeldeten Buchtitel eingetragen werden. Den Titel bei Amazon zu löschen heißt, ihn vorher im VLB abzumelden und ihn somit für den Buchhandel unbestellbar zu machen.“ Ich wusste, dass diese Tatsache Fred nicht beruhigen würde und verwendete die Methode, die auch bei Kindern gut funktioniert: links rein, rechts raus. Er wird schon aufhören. Was er nach zehn sehr lauten Minuten und der Aussage: „Wenn Sie das Buch nicht bei Amazon abmelden, hören Sie von meinem Anwalt!“ tat und auflegte. Also fügte ich mich, denn Anwälte waren mir schon immer suspekt – und ahnte, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht war.

Keine zwei Tage waren vergangen, als Fred erneut anrief. Seine Freunde hätten sich kollektiv beschwert, dass sein Titel nicht im Buchhandel bestellbar sei. Auch die ISBN gäbe es nicht. Wieder lag das Wort „Betrug“ in der Luft. Und wieder bemühte ich unzählige Engelszungen – hast was gut bei mir, himmlischer Chor! – um ihm klarzumachen, dass das eine ohne das andere nicht ginge. Am Ende stand die Titelreaktivierung im VLB, und schon war alles wieder in Butter. Vorerst. Doch wieder sagte mein Gefühl: Da kommt noch was nach.

Zwei Wochen später klingelte einmal mehr mein Telefon mit diesem unnachahmlichen Ton, der mich das Schlimmste vermuten ließ. Und tatsächlich, es war Fred. Er wollte wissen, wie viele Bücher bereits verkauft worden waren. Ich nannte ihm die Zahl – und hatte unverzüglich einen Tinnitus im anderen Ohr. Das wären zu wenig, seine Freunde hätten viel mehr gekauft und ich würde nicht liefern, der Buchhandel könnte weder bestellen noch bekäme er die Bücher, ich hätte keine Ahnung von dem, was ich tue … na ja, das Übliche eben, das man vor Gründung eines Verlages im Einsteigerseminar „Umgang mit Autoren“ in kleinen Rollenspielen kennen- und abblocken lernt. (Das ist ein Hinweis für Coaches: Leider gibt es so ein Seminar noch nicht!) Er rechnete mir vor, wie viele verkaufte Exemplare es laut Aussagen seiner Freunde sein müssten. Ich zählte laut am Telefon, wie viele Bestellungen mir vorlagen. Er glaubte mir nicht und wollte vorbeikommen, um die Bestellungen „mit eigenen Augen zu sichten“. Das Thema „Datenschutz“ interessierte ihn nur am Rande, schließlich ging es um das Vertriebsrecht seines Buches! Wir einigten uns darauf, dass er seine Freunde noch mal daran erinnerte, auch wirklich das Buch zu bestellen und mich Ende der Woche wieder anrufen sollte. Zwei Tage später kursierte ein Gerücht in einem Autorenforum, dass die Verlegerin X, also meine Wenigkeit, sich an den Einnahmen der Bücher bereichere und die Autoren um ihre Gewinne brächte. Am Ende der Woche stellte ich die Lautsprecherfunktion am Telefon ganz leise, damit Fred mir nicht noch mal das Trommelfell durchpustete, wenn er hörte, wie viele Freunde tatsächlich nachbestellt hatten. Aber die Zeit heilt auch wunde Ohren – erkannte ich nach dem Gespräch.

Eine alteingesessene Verlegerin brachte irgendwann scherzhaft die Idee auf, eine Selbsthilfegruppe zu gründen, denn diese Art von Attacken nahmen in der gesamten Branche zu. Scharenweise zogen Autoren  Vertriebsrechte zurück und gründeten Bücherschmieden mit den urigsten Namen. Sie wandten sich „gegen die Diktatur der Verlage“, wie es damals die Autoren der eingangs genanten Print-on-Demand-Plattform tun wollten – jetzt also, vier Jahre später, die „Neuauflage der Rebellion“. Was für ein Wortspiel. Wir Verleger schauten uns die Rebellion an, seufzten, sahen der Buchhandelsbranche ein wenig beim Sterben zu und taten alles, um unsere Umsätze stabil zu halten. Manche von uns prostituierten sich auch und nahmen Spielwaren in ihr Programm auf. Andere konnten sich mit Hörbüchern retten – doch der Markt ist inzwischen auch rückläufig. Heiligs Blechle …

Nun ja. Jetzt haben wir 2013. Die Zeiten haben sich geändert, denn das E-Book ist in Deutschland angekommen, oh Wunder. Jetzt kann man die Welt papierlos wissen lassen, was in einem vorgeht, ohne dass es an der Form gebricht. Auch wenn die Welt dadurch weder besser noch schöner wird – das war jedenfalls mein Eindruck, als ich über die letzte Frankfurter Buchmesse schlenderte. Aus Gewohnheit lief ich die bekannten Stände an und landete bei den anfangs genannten Selbstverleger-Kollegen. Älter waren wir geworden, wissender – vielleicht auch weiser, auf jeden Fall aber lustiger, denn wir suhlten uns im neuesten Klatsch und tauschten wichtige Namen aus. Als plötzlich Fred vor mir erschien. Ja, das war wirklich eine Erscheinung. Denn Fred, den ich in Leipzig das letzte Mal gesehen hatte, war aufgeblüht – das personifizierte Selbstbewusstsein im grauen Anzug, die Haare sorgfältig seitlich gescheitelt, einen Packen Visitenkarten in der Brusttasche, die er sofort verteilte. „Tja“, sagte er und steckte die letzte wieder ein, „ich habe mich nach unserem Good-bye als Autor selbstständig gemacht.“

„So?“, meinte ich. „Und wie läuft es?“

„Super“, sagte er und lächelte selig. „Ich schreibe, veröffentliche – und die Fans kaufen, kaufen, kaufen. Bin gerade auf der Sucher nach einem geeigneten Merchandising-Partner für Non-Books. Du weißt schon, Stifte, Hefte und so Zeug. Das war dir ja immer zu teuer.“ Stimmt. Aber ich hatte nicht vor, mir die Laune verhageln zu lassen. „Und wo veröffentlichst du?“, fragte ich stattdessen.

Fred zuckte mit den Schultern. „Ach, das ist ja heutzutage kein Problem mehr. Ich habe verschiedene Sachen ausprobiert, die üblichen Verdächtigen Plattformen und ein paar kleine. Aber jetzt habe ich einen festen Vertriebspartner für E-Books und Printausgaben.“

„Und der wäre?“, fragte Bertha aus Stuttgart, die ich nur mit brandroten Haaren und auf der Nasenspitze hängender Brille kenne. „Vielleicht können wir Verleger davon auch profitieren?“

Wir wurden einer eingehenden Musterung unterzogen. Fred wog ab, ob er uns in dieses Geheimnis einweihen sollte oder doch lieber … „Ganz einfach. Create Space und Kindle Desktop Publishing, beides aus dem Hause …“

„Amazon!“, brach es aus Bertha heraus, und Sophie aus Düsseldorf biss sich auf die Lippen, um nicht laut herauszuplatzen. Und das von einem ehemals entschiedenen Amazon-Gegner, der seine Rechte wie eine Wölfin ihre Jungen verteidigte! „Richtig“, freute sich Fred. „Dort kriege ich alles aus einer Hand. Datenverarbeitung, Auslieferung, Abrechnung, Vertrieb – besser kann es gar nicht sein. Da könnt ihr euch eine Scheibe von abschneiden“, meinte er gönnerhaft.

Da räusperte sich Eberhard, das hessische Urgestein mit den großen Augen. „Aber dir ist schon bewusst, dass man bei Amazon seine Bücher auch kostenlos preisgibt, um nicht zu sagen: verschleudert?“

„Unsinn, das kann man alles mit Aktionen einstellen und …“

Doch Eberhard schüttelte nur langsam den Kopf. „Schon mal was von Datenklau gehört? Davon, dass sogenannte ‘Leihbücher’ auf illegalen Plattformen zum kostenlosen Download angeboten werden?“

Fred erblasste. Und Eberhard referierte ein wenig über Datenpiraterie und welchen Schaden die Buchbranche dadurch hätte, was dazu führte, dass Fred sich plötzlich an einen dringenden Termin erinnerte. Ich seufzte. Es ist doch immer dasselbe, wenn es um Geld, Ruhm und die Eitelkeit geht …

„Übrigens habe ich gehört, dass seine Frau einen gut dotierten Job hat“, brummte Berta. „Ich bin mit ihr über Facebook befreundet.“ Ihr Blick sprach Bände. Kein Wunder, dass Fred ein gutes Auskommen hat …

Womit sich der Kreis schließt. Ich lehne mich jetzt noch weiter zurück und warte darauf, dass die nächste Selfpublisher-Zusammenschluss-Welle kommt. Denn das wird sie tun, davon bin ich fest überzeugt. Und ich glaube auch fest daran, dass in den geheimen Schreibstuben der nächste Angriff auf das Gros der Verlage geplant wird. Ob ich mich fürchte? – Nein. Hunde, die bellen, beißen meist nicht. Und das führt mich übergangslos zu einem Sprichwort, das wiederum wunderbar zur nächsten Glosse weiterleitet, die ich meinem Alter Ego Autorin wieder zutraue: „Never judge a book by its cover“.

Bin gespannt, was sie dazu schreibt.

Mehr von der Autorin unter portbunghulescu.wordpress.com