Es war einmal Bettina Unghulescu, die Teilzeit-Autorin: Never judge a book by its cover

 

Von Bettina Unghulescu – zuerst veröffentlicht am 10. Juli 2014

So, da bin ich wieder – heimgekehrt aus dem Dschungelcamp für Autoren, durch und durch literarisch gestählt und so krass sauer auf meine Verlegerin, weil sie mich gegen meinen Willen dort hingeschickt hat! Weil ich nicht wüsste, was ich zum Thema Selbstverlag schreibe soll. Ha! – Blöde Kuh, klar weiß ich, was ich dazu geschrieben habe. Aber anscheinend waren ihr meine anderen Glossen zu direkt. Wer die Wahrheit nicht verträgt …

Die Wahrheit! Ich habe sie noch nicht gefunden. Aber ich werde mich ihr stellen. Und zwar während einer Lesung, in der ich mein neues Buch „Lorchens Konterfei macht Angst“ vorstelle. Das ist ja immer ein bisschen wie in dem Lied „Video Killed The Radio Star“ aus den 1980ern. Da stellen sich die Leser die Lichtgestalt des Autors vor – und dann sitzt da so ein verhuschtes Mütterchen, ein Muskelmann mit schiefen Zähnen oder Opi mit speckiger Weste, und nuschelt seinen Text runter. Noch schlimmer finde ich es, wenn das Bild des Autors schon durch die Presse gesaust ist und der echte Mensch nicht mal Ähnlichkeit damit hat. Der Freundin einer Bekannten ist diesbezüglich mal was ganz peinliches passiert: Sie wollte zu einer Lesung in einer großen Buchhandlung und war ein bisschen spät dran, kam gerade noch so ‘reingehetzt, bevor ein großer Herr im schwarzen Anzug die Türen abschloss. In der Hektik fragte sie eine mollige Verkäuferin, wo denn die anderen „Publikümer“ wären und wurde auf den zweiten Stock verwiesen. „Ach ja, bevor ich es vergesse“, meinte die Freundin meiner Bekannten noch, „ich möchte schon mal ein Buch reservieren, können Sie es mir für die Signierstunde zurücklegen?“

Die mollige Dame nickte verblüfft und meinte: „Soll ich es am Signiertisch deponieren?“

„Das wäre natürlich ideal, danke“, sagte die Bekannte meiner Freundin und husch – war sie weg. Wie muss ihr der Hintern auf Grundeis gegangen sein, als keine zwei Minuten später die mollige „Verkäuferin“ hinter dem Lesetisch Platz nahm, das Vortragsbuch öffnete und vorlas. Sie hatte aber trotzdem ein Exemplar für die Bekannte meiner Freundin reserviert und signierte es mit „grimmiger Freude“, wie sie betonte. Tja. Das war doch mal ein typischer Fall von Camouflage an der falschen Stelle! Dabei ist der Körper der unwichtigste Teil des Autors. Na ja, bis aufs Gehirn, die Augen, die Arme und die Hände. Vielleicht noch das Gesäß, weil man beim Schreiben sitzen sollte. Dabei muss man sich mit den Füßen, die an den Beinen hängen, abstützen, sonst knallt man mit dem Kopf auf die Tastatur. Und der Rumpf bringt alles in eine ansprechende Form. – Okay, vielleicht ist der Körper doch nicht so unwichtig … aber er fällt auf. Mir zumindest.

Während ich der Lesung entgegen fiebere, die meine Verlegerin wider alle Branchengesetze in einer richtig großen Buchhandlung veranstaltet – nein, das wäre übertrieben, sie darf daran teilnehmen und hat ein bisschen Geld dafür ausgegeben, dass ich dabei sein darf – fällt mein Blick immer wieder in den Spiegel. Und der ist alles andere als diplomatisch. Ich weiß, dass in dieser Buchhandlung grundsätzlich nur mit Beistelltisch gelesen wird. Der Chef des Hauses meint nämlich, dass erst so der Kontakt zwischen Publikum und Autor aufgebaut und folglich mehr verkauft werden kann. Ergo kann sich die Hörerschaft nicht nur an meinen literarischen Ergüssen ergötzen, sondern auch an der Wurstpelle, die meinen Körper zusammenhält. Damit will ich jetzt auf keinen Fall sagen, dass Äußerlichkeiten wirklich wichtig wären. Die Sache ist nämlich gar nicht so, wie es sich auf den ersten Blick liest. Also nicht, dass Sie jetzt denken, das hätte mit der Form meines … äh … nun ja, also gut, ich bin gar nicht so – schlank. Um ehrlich zu sein. Die Hörer hätten freie Sicht auf meine Gebirge, die ich im Laufe der Jahre gesammelt habe. Meine Kinder haben nichts gegen die vielen Rundungen, Hubbel und Dellen, an die man sich mit Schmackes ‘ranschmeißen und kuscheln kann, ohne dass jemand blaue Flecken bekommt. Aber ich gehe davon aus, dass meine Hörer keinen körperlichen Kontakt während der Lesung wünschen. Stellen Sie sich das vor – die Abteilungsleiterin einer großen Firma will sich zwecks literarischer Erbauung auf meinen Schoß setzen und an den lustigen Stellen in meine „gemütlichste“ Stelle pieksen. Und daneben der Beistelltisch …

Mein oranger Overall kommt nicht in Frage. Den trage ich nur bei der Gartenarbeit – damit die Nachbarn sehen, dass ich etwas tue. Die Abendrobe fürs Theater wäre ein wenig overdressed, und die schwarze Hose, die mich jahrelang treu begleitet hat, passt seltsamerweise nicht mehr. Eigentlich wollte ich meine Lieblingsbluse dazu tragen – aber meine Verlegerin meint, dass der Rotton den Hörern die Tränen in die Augen treibt, wenn die Beleuchtung schlecht ist. Eine Jeans ist ein absolutes No Go, außer sie ist schwarz, aber dann muss man auch die Figur dafür haben. Das sagt sie nur, weil sie die Hose selbst zum Event tragen will. Ach, wie ich sie hasse, diese alte Egoistin!

Letztlich bleibt es bei der grauen Jeans und einem dezent bunten Sommerpullover, der alle Dellen, Hügel und Hubbel gnädig verdeckt. Die Haare lasse ich noch rasch, binnen zwei Stunden, beim Friseur aufhübschen. Jetzt darf kein Wind kommen, sonst ist die ganze Pracht futsch …

Aber mein Gesicht … da blüht seit heute morgen ein Pickel. Mitten auf der Nase. Als ob der Gott der Schönheit beleidigt wäre, weil zu viel Intellekt auf einer Bühne auftritt! Maskara muss her, wobei mir inzwischen Mascarpone lieber wäre, dazu ein bisschen Puder, der sich prompt auch im Haar verteilt, weil so viel Haarspray drin ist, dass ich bei spontaner Entzündung als wandelnde Gartenfackel gehen könnte. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag bemerke ich Schweiß unter den Achseln. Beim Schuheputzen breche ich mir einen Fingernagel ab. Aber schwarze Schuhe müssen glänzen, das hat schon meine Oma gesagt.

Pünktlich klingelt es. Meine Verlegerin holt mich ab. In der Hektik finde ich nicht sofort mein Leseexemplar, das sich zwischen zwei Zeitungen versteckt hat. Dabei lag es doch griffbereit auf der Kommode – halt, nein, auf dem Flurschrank. Oder doch im Schlafzimmer auf dem …? Doch da geht die Fahrt schon quer durch die Stadt und ich habe keine Zeit mehr zu zittern. In der Buchhandlung will mich eine mollige Verkäuferin – ich muss zweimal hinschauen, ob es auch wirklich nicht die Autorin aus der Erzählung meiner Freundin ist! – mit Sekt ruhigstellen. Es gelingt ihr mit nur zwei Gläschen. Erst jetzt kommt mir wieder zu Bewusstsein, dass ich ja eine von vielen bin. An diesem Lesemarathon nehmen 20 Autoren auf drei Etagen teil. Ich bin relativ früh dran, weil die späteren Stunden für die richtig bekannten Autoren reserviert sind. Gott sei Dank, dann ist der Spuk umso schneller vorbei, denke ich und schreite, leise für mich den Text aus dem Buch vorlesend, hin und her.

Da sehe ich, wie meine Verlegerin belustigt die Mundwinkel verzieht. „Wieso hast du ‘Leben in Nimmerstadt’ dabei? Willst du vorher noch die Anekdote mit der Großmutter zum Besten geben?“ Ich spüre meine Beine plötzlich nicht mehr. Zitternd schlage ich das Buch zu – tatsächlich. Ich habe das falsche Buch mitgenommen. Bevor Tränen mein mühsam zusammengekleistertes Konterfei zerstören können, reicht mir meine Verlegerin – der Himmel sei gelobt für ihre Existenz! – ein paar Zettel. „Kein Problem, nimm das. Ich habe die zu lesenden Textstellen ausgedruckt und vorsichtshalber mitgebracht. Man kann ja nie wissen.“

Für mehr Panik bleibt keine Zeit mehr, ich werde auf die Minibühne im ersten Stock gebeten. Ich lese also mit sanftem Vibrato das „Lorchen“ vor, obwohl etwas anderes auf dem Cover steht. Das Publikum bleibt gewohnt semi-interessiert höflich, und als meine Viertelstunde vorbei ist, hoffe ich, dass die Seen unter meinen Achseln nicht den Raum überfluten. Doch bevor ich den Applaus entgegennehme und mir noch ein paar hässliche Unfälle ausmale – Stolperschritt übers Mikofonkabel, Abfangsturz auf das Beistelltischchen, der nette blonde Herr in der ersten Reihe kriegt das Wasser auf die Hose, mein Pullover rutscht unvorteilhaft hoch – springt ein mittelalter Herr förmlich von seinem Sitz, brüllt: „Never judge a book by its cover, never epilate an author with his own words!“, und klatscht, als wollte er mit seinen Händen eine Feuersbrunst löschen. Das gesamte Publikum fällt ein …

Hinterher zeigt meine Verlegerin mir das Foto, das sie während der Standing Ovations von mir geschossen hat. „Zum Glück hast du nicht so viele Plomben“, grunzt sie und haut mir lachend auf die Schulter. Ich freue mich still, dass ich mindestens zehn von „Lorchens“ Büchern signieren durfte, während im Verkaufsraum immer wieder ein „Lorchen“ über den Ladentisch geht. Was für ein Erfolg! Welch Freudentaumel …

Achtung, eine kurze Durchsage: Während mein Alter Ego Autorin mal wieder dauerschwelgt, statt zu schreiben, gebe ich schon mal einen Ausblick auf die nächste Glosse, die sich quasi von selbst an diesem Lesemarathon geschrieben hat: Semantische Schmerzen. Und verfassen werde ich sie, ob Frau U. Will oder nicht, har har!