Es war einmal Bettina Unghulescu, die Teilzeit-Autorin: Weg mit der Glasur!

Von Bettina Unghulescu – zuerst veröffentlicht am 18. Juli 2014

Jaja, ich weiß, was ihr schon wieder denkt: Jetzt haut Madame Autorin mal wieder auf die Soße … Gestatten, mein kreatives Alter Ego meldet sich zurück! Korrekt gekleidet und im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, aller vierzehn Sinne und dem Wissen, dass Glossen eher als Glösschen betrachtet werden, so lange sie nicht a) von einer bekannten Persönlichkeit b) einem Mann c) dem Individuum einer aktuell ins kollektive Gedächtnis gerutschten Minderheit verfasst wurde, deren Zugehörige sich von westlicher Welt recht frei definieren lassen.

Oh Mann, was hat sie denn jetzt schon wieder?! Will sie einen Dialog mit der Verlegerin in ihr provozieren und ihre gespaltene Persönlichkeit plump im Licht der Öffentlichkeit präsentieren, uns mit gedrechselten Sätzen quälen oder fällt dem Gespann Verlegerin/Autorin derzeit nichts ansprechenderes ein?! Ha! Ignoranten! Dabei geht es um das Wichtigste überhaupt: den Inhalt!

Hin und wieder verlasse ich bzw. verlassen wir unseren Schreibtisch und treten in die Welt hinaus. (Nein, das war der andere, der Pluralis Modestiae. Nicht der mit der Krone!) Das führt dazu, dass wir eine Tageszeitung in die Hand nehmen. Und wir lesen eifrig, was sich da draußen in der Welt tut: Eurokrise und Eurogewinner, Rettungs- und Regenschirme, Kriege und Klima, Reformen und Rubbeldiekatz. Alles drin, was uns die Augen übergehen lässt. Die Verlegerin denkt: „Owei, noch immer Krieg in Israel. Noch mehr Öl im Atlantik. Und dann die ermüdenden Streitereien im Parlament …“ Und die Autorin denkt: „Boah, was für eine Steilvorlage für einen Plot: Dooms Day wegen Wasserknappheit! Der Held rudert verzweifelt im Gummiboot gegen den Ölteppich vor der mexikanischen Küste! Böse Politiker bereichern sich und treten die Welt in den Abgrund! Dazu muss man doch was schreiben!“ Und zum Leidwesen der Verlegerin liegt wenig später das nächste Epos à la Herr der Ringe auf ihrem Schreibtisch, in dem am Ende der muskelbepackte, wahlweise spillerige Held mit Ausgleichs-IQ von 140 die blonde, wahlweise bebrillte Heldin an sich zieht und ihr einen Kuss auf die Nase schmatzt. Oder auf den Hals. Oder den Hin… na ja, ihr wisst schon. Die Message ist so clear wie Closebrühe: Sex sells sogar die schlimmste Bedrohung. Zufrieden stellt die Leserschaft das Werk ins Regal und wartet auf den nächsten Blockbuster. Und das war’s dann.

Nachahmer gibt es zu Hauf. Da wird gedichtet, geschrieben, gerätselt, hin und wieder sogar recherchiert und mit Schweiß auf der Stirn bei Nacht und Nebel die Elektronik gequält, dass es raucht. Der nächste Schinken landet im abrufbaren Äther. Der Leser liest, seufzt wohlig und … so könnte es bis zum Sankt Nimmerleinstag weitergehen. Alone, wo bleibt die Nachhaltigkeit? Und wieso muss es immer das gleiche Schema sein? Okay, es gibt Genres, zu denen greift man, weil man nichts anderes erwartet: Erotik zum Beispiel kommt schlecht mit heraklitischen Diskussionen rüber. „Hegeln“ hat nichts mit Handarbeiten zu tun, auch wenn man noch so viel im Buch „Der amerikanische Quilt“ blättert. Und homerisches Gelächter – nun, das ließe sich schon irgendwie einbauen, aber ob der Leser dann noch freudig erregt ist? Vielleicht könnte man mit Pythagoras etwas über Dreiecksverhältnisse sagen. Aber schon die Andeutung welcher Wissenschaft auch immer wirkt verkaufshemmend, wie fast jeder Ausbruch aus den bekannten Schemen.

Zum Beispiel Science Fiction. Das ist ein Männergenre. Ja, schauen Sie ruhig empört. Und dann greifen Sie zur Lupe und suchen Sie die weiblichen Helden, die sich, ohne jegliches Klischee behaftet, durch den Weltraum schlagen. Nur mal so, falls Sie nichts anderes zu tun haben. Was fällt auf? Gar nichts. Weil es solche ungenormten Heldinnen in der SF (fast) nicht (mehr) gibt. Ich hatte spaßeshalber mal ein Exposé angeregt, in dem ein Frosch als Kommissar die Morde auf einem Raumschiff untersucht, die passenderweise von Topfpflanzen verübt wurden. Die Resonanz war verhalten, weil zu wenig Technik vorkam. Trotzdem hat CoLork siegreich das Abenteuer gelöst, auch wenn es zwischendurch ein paar ekelige Stellen gab, da Frösche sich unter anderem mit der Zunge orientieren. Mutig griff ich danach zum historischen Weltatlas und ließ einen ungarischen Offizier mit dem österreichischen Schiffskommandanten zusammenstoßen. Damit ging ich aber so was von im Weltraumozean unter, das können Sie sich nicht vorstellen. Es lag nicht an den Namen Gyula Andrássy und Franz-Joseph. Auch nicht an der Tatsache, dass allgemein Unkenntnis darüber herrschte, dass ich mich historisch belegter Namen bediente und den guten alten Sisi-Joseph-Gyula-Konflikt der Donaumonarchie herauskramte (darauf ist niemand gekommen). Sondern es ging einzig und allein darum, dass dieser Konflikt zwar interessant werden konnte, aber nicht im Schema lag. Schade!

Zum Beispiel Hautfarbe eine Überlegung: Lass 21 % der Weltbevölkerung der „weißen Rasse“ angehören – viel Platz also noch für alle Farbfreudigeren. Trotzdem finden sich (nicht nur) auf dem europäischen Markt nur wenige Titel mit anderen Helden als dem hellhäutigen, blonden, blauäugigen, blö… in vielen Bereichen bewanderten. Warum eigentlich? Zudem muss es wohl so sein, dass eine weibliche Heldin (wahlweise straßenköterblond, braun- oder schwarzhaarig) wenigstens eine geheime oder besondere Kunst beherrscht: Taekwondo im Mittelalter, erlernt von durchreisenden Sarazenen (nicht Sarrazins, die wurden damals kurzerhand selbst abgeschafft, weil kurzsichtig und somit nutzlos für die Gesellschaft!), die Zauberei im erdachten Steampunk-Viktorianismus, vermittelt von zu viel Zeit an dampfigen Waschmaschinen, Nanotechnologie in der Moderne, aufgesogen beim Studium eines ungeplanten Reaktorunfalls. Wenn die Helden nicht weiß sind, so haben sie zumindest weiße oder hellere (reichere / schönere / klügere) Freunde. Und zumindest entdecken weniger gut ausgestattete Protagonisten irgendwann ihre sinnliche Seite – ein Fehltritt pro Titel ist definitiv erlaubt, wenn (wie in vielen Fällen) das Herrschaftsverhältnis weißer Mann / farbige Frau gewahrt bleibt. Aber wird man damit wirklich der Kunst gerecht?

Werfen wir mal einen Blick auf den Buchmarkt anderer Kontinente, so sie einen haben. Afrika zum Beispiel. Da sind nicht nur die meisten Bewohner mit dunklerer Haut ausgestattet als wir – dort gibt es auch mehr Dialekte, als wir Europäer sie jemals zustande bringen könnten. Trotzdem hat es gedauert, bis ein Europäer sich endlich mal aufgerafft und die Dialekte samt der Geschichten in irgendeiner Form erfasst hat, die bis dahin über ungezählte Jahre mündlich weitergegeben wurden (Märchen eben, wie wir ein wenig abfällig sagen würden, oder? Hand aufs Herz!). Viel schlimmer ist jedoch, dass man dort den hier liebgewonnenen Luxus gar nicht in dem Maß zu kennen scheint, einfach zu tippen, was einem gerade durchs Hirn rauscht – entweder wurde die Fähigkeit des Schreibens nicht erlernt, die aktuell regierende Gruppe verbietet die Meinungsfreiheit oder – Achtung! – man hat Wichtigeres zu tun als zu schreiben. Nahrung sammeln, zum Beispiel. Wasser holen. Sich miteinander unterhalten. Solche Sachen eben. Andere wiederum stürzen sich und ihre Familien wissentlich ins Unglück, weil sie Zugriff auf die „neuen“ Medien haben und sie auch für ihre Belange nutzen möchten, um vielleicht etwas gegen die politischen Ungerechtigkeiten in ihrem Land zu tun oder den Rest der Welt darauf aufmerksam zu machen. Weil es nötig ist und es eine Novelle à la Nackenbeißer nicht tun würde (Wir werden unterdrückt – stopft euch ein Plastikgebiss in den Mund und lest Vampirromane!!!). Solche reale Berichterstattung sorgt für geradezu unerträgliche Spannung, denn sie ist absolut anti-fiktiv und hat – um Himmels Willen – meist die Botschaft: Helft uns! Wir schaffen das hier nicht alleine. Während wir ein wenig gelangweilt den nächsten Post bei Facebook anklicken und einen fröhlichen Kommentar ablassen … statt wirklich aktiv zu werden …?

Mein Fazit dieser gar nicht so lustigen Glosse lautet diesmal: Nutzt eure Freiheit, schreiben zu können, was ihr wollt. Schreibt Schund, damit ihr etwas für euch tut, aber schaut euch auch den Rest der Welt an. Wenn unsere Kinder fragen: „Was hast du getan, um zu verhindern, dass die Welt vor die Hunde geht?“, dann ist die Antwort „Ich habe den 365.000.000 Backstein zum Thema ‘Boy Meets Girl’ verfasst“ vielleicht nicht das, was eure Kinder hören möchten. Lest alle Zeitungen, die ihr lesen könnt, statt euch in Kleinkriegen mit Autoren / Verlegern / Buchhändlern zu verlieren. Vermittelt euer Wissen denen, die nach uns kommen – geht in Schulen und bietet Literaturkurse an, damit die nächsten Generationen begreifen, warum Sprache und Lernen so wichtig für die Zukunft sind. Seid nicht beleidigt, wenn jemand eure Texte kritisiert, sondern stellt euch den Qualitätsdiskussionen und entwickelt euch weiter! Wir haben so viel Zeit, Geld und Freiheiten, unsere Gedanken mitzuteilen, dass es schon fast zu schön ist, um wahr zu sein. Niemand will wissen, wie viel Kaffee wir trinken und wie toll wir sind (von unserer Sorte gibt es derzeit ca. 7 Milliarden auf der Erde), aber wir brauchen etwas, das wichtiger ist als die literarische Nabelschau des Einzelnen. Auch Literatur sollte sich zügig in Richtung „Nachhaltigkeit“ entwickeln, sonst mutiert unser ach so gelobtes Volk der Dichter und Denker zu einem Haufen degenerierter Egozentriker, die den Blick für das Wesentliche verloren haben, weil sie nicht mehr wissen, dass nur der bleibt, der schreibt – Ruhm und Reichtum mögen sich einstellen, sind aber für die kulturelle Entwicklung erst mal unwichtig.

In diesem Sinne rege ich zu nahrhaften Texten an, voller guter Ideen und ohne Seifenblasen!