Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Warum ich Rita nicht in einen Vogel verwandelt habe

Mädchen, die hungern, möchten so leicht wie eine Feder sein. Sie wollen fliegen können, um allem Beschwerlichen auf der Erde zu entkommen, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hielt es jedoch für angebracht, diese Wunschvorstellung zu brechen, um dem Leser begreiflich(er) zu machen, dass das Dünnseinwollen nichts mit dem Fliegen, sondern mit dem Tod zusammenhängt. Von Pinguinen wissen wir, dass sie schwimmen, indem sie mit ihren Flügeln schlagen. Auch das ist Fliegen.

Weiterhin bot sich die nordische Mythologie an, die reich an Wassergestalten ist. Da ist zum Beispiel Njörd, der Wane des Meeres und des Ozeans. Er wird u.a. in der Snorra-Edda erwähnt In der ursprünglichen Fassung des Romans hatte ich ihm zunächst eine größere Rolle in Ritas Vorstellungswelt eingeräumt. Bei weiteren Recherchen stieß ich auf die Ägirstöchter, die von der Meeresgöttin Rán und dem Meeresriesen Ägir abstammen:

  • Himinglæva – die, durch die man den Himmel klar sehen kann (Bezug zur Durchsichtigkeit des Wassers)
  • Dúfa – die Hohe
  • Blóðughadda – die Bluthaarige (Bezug zum roten Schaum)
  • Hefring (oder Hevring) – die Steigende
  • Uðr (oder Unn) – die Schäumende
  • Hrönn – die Fließende
  • Bylgja – die Wogende
  • Dröfn – die Schaumbefleckte
  • Kólga – die Kühlende

Schon die Namen regen zum Fantasieren an, was ich auch Rita zugestanden habe. Immerhin ist sie im Roman bereits so geschwächt, dass ihr Gehirn Schwierigkeiten hat, Informationen zu verarbeiten. Außerdem kommen Wahnvorstellung bei starkem bis lebensbedrohlichem Untergewicht vor, und diese Vorstellungen entsprechen nicht unbedingt den Wunschträumen der Betroffenen. Es kann ein guter oder ein schlechter Trip werden, ohne dass die Betroffene es beeinflussen kann, obwohl sie es glaubt zu können.

Deshalb sieht sich Rita im Roman mit Kólga, der Kühlenden, konfrontiert, die sie mit sich in die Tiefe des Meeres nimmt, und nicht mit einer Reise nach Walhalla in Asgard.

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen in der Familie. Wer ist schuld?

Niemand!

Es gibt so viele Faktoren, die zu Essstörungen führen können, es aber nicht unweigerlich müssen, genauso wie eine Depression aus einer schweren Lebensgeschichte entstehen kann, aber nicht zwingend muss. Lange wurde die Rolle der Mutter sehr kritisch betrachtet und vorrangig die Mutter-Tochter-Beziehung behandelt. Es kann aber auch Schwierigkeiten zwischen Vater und Tochter geben oder zwischen Mutter und Sohn oder Vater und Sohn, die zu einer Essstörung führen. Die Peergroup des Betroffenen kann eine Essstörung hervorrufen. Ein Erlebnis, eine einmalige Begegnung mit einem Fremden kann der Auslöser sein. Ein Satz, mit besten Vorsätzen vom Sporttrainer geäußert, kann negativen Einfluss auf die Zusammenstellung der Nahrung seines Zöglings nehmen. Eine Motivationsrede, vom Schullehrer gehalten, damit alle den Abschluss schaffen, kann einen einzigen Schüler entgleisen lassen. Die Einführung des Fernsehens hat auf Fiji zu einer Hungerepidemie geführt. Und, und, und …

Fazit: Sollten Sie in Ihrem Umfeld über Essstörungen stolpern, suchen Sie nicht nach einem Schuldigen, dem Sie Ihre unangenehmen Assoziationen und Emotionen überantworten können, wenn es um das Thema Essstörungen geht. Manchmal kann man trotz „gesunder Begleitumstände“ das Abgleiten in eine Krankheit einfach nicht verhindern.

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Ein Leben für eine Thigh Gap

Was ist das jetzt wieder für ein Trend, möchte man sich fragen, in der die Spalte zwischen den Beinen einer Frau als modisch gilt? Warum müssen Beine wie Streichhölzer aussehen, um als „schön“ zu gelten? Warum wird diese Thigh Gap als erstrebenswert dargestellt? Und warum glauben das so verdammt viele Leute, statt dem Hungerwahn ein klares „Nein!“ entgegenzusetzen?

Meine Antworten:

  • Weil der Körperkult schon vor Jahrzehnten aus dem Ruder gelaufen ist.
  • Weil anscheinend nicht klar ist, dass man sich umso unwohler fühlt, je dünner man wird, da der Hormonhaushalt nachhaltig beeinflusst wird.
  • Weil zwar ein gesunder, muskulöser Körper eine feine Sache ist, aber die Risiken der Sucht dahinter anscheinend kaum Beachtung finden: Ja, man kann definitiv zu leicht werden, um lebensfähig zu sein.
  • Weil es keine Lobby für Menschen gibt, deren Leben sich mit jedem zusätzlichen Gramm verlängert. Stattdessen werden ihre Befürchtungen, zu „dick“ zu werden, noch gefördert, und das nicht nur von den Medien! Hand aufs Herz: Wann hast du das letzte Mal darüber gesprochen, abnehmen zu müssen, ohne dass es einen medizinischen Grund dafür gab? Und wann hast du das letzte Mal deiner Freundin / Tochter / Mutter … beigepflichtet, dass ihr 2-5 kg weniger gut zu Gesicht stünden, ohne dass es einen medizinischen Grund dafür gab?
  • Weil das Thema Essstörung aus unerfindlichen Gründen immer noch schambesetzt ist, obwohl schon Models tot vom Laufsteg gefallen sind. Dieser Artikel ist zwar schon von 2007, könnte aber genauso gut gestern publiziert worden sein. https://www.news.at/a/3-models-wieder-hungerhaken-laufsteg-165974 / Nachwort zu Naomi Campbells Satz: Stimmt, die Model-Industrie kann nichts für den Hungerwahn, tut aber auch nichts dagegen. Und alle machen mit.
  • Weil irrwitzigerweise dem Wunsch nach der tödlichen Size Zero, die mit der Thigh Gab einhergeht, in Industriestaaten drei Viertel der Weltbevölkerung gegenüberstehen, die der Size Zero niemals entkommen werden.
  • Weil über die Symptome, die mit stetiger Gewichtsabnahme einhergehen, nach wie vor zu wenig gesprochen wird. Stattdessen werden sie m.E. zu einer Art Lifestyle stilisiert:
    • Depressionen
    • Gravierende Veränderung des hormonellen Haushalts
    • Chronische Schmerzen im ganzen Körper wird fälschlicherweise als enorme Leidensfähigkeit wahrgenommen.
    • Schlafmangel, weil der Kreislauf so instabil ist, dass ein normales Aufwachen vom Organismus ggf. nicht gewährleistet werden kann und der Körper „aufschreckt“, bevor eine Ohnmacht eintritt, mit der die Unterversorgung des Gehirns abgewendet werden soll
    • Gedankenketten, die den Kopf nie zur Ruhe kommen lassen
    • Blutarmut
    • Ausbleiben der Monatsblutung
    • Osteoporose
    • Dauerfrieren, auch im Sommer
    • Die ständige Angst, zu sterben und es gleichzeitig auch zu wollen, weil der Tod das Ende des Leidens markiert

Fazit: Ein Leben für eine Thigh Gap? Never ever!

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Wie wird man Betroffenen gerecht?

Man findet viele Informationen über Betroffene, jedoch kaum etwas von Betroffenen und ihren Familien. Ich vermute, dass es an der bereits erwähnten Unterwanderung öffentlicher Internetforen von ProAna und ProMia liegt, dass diese nicht mehr risikolos geführt und damit Informationen bereitgestellt werden können.

Zum Anderen liegt es wohl auch an den ungewollt zugefügten Verletzungen, die man den Betroffenen und ihren Familien mit gängigen Floskeln beschert.

Wie verhält man sich als Außenstehender?

Ein oft verwendeter, vermeintlich motivierender Satz Außenstehender lautet:

„Du musst dich nur zusammenreißen und ein bisschen mehr / weniger essen!“

Damit wird dem Betroffenen unterstellt, dass er sich bewusst oder gar böswillig gehen lässt und deshalb erkrankt ist. Aber es geht nicht darum, jemanden zur Ordnung zu rufen, der sich bewusst weigert, „normal“ zu essen, sondern um einen Menschen, der aufgrund einer psychischen Einschränkung nicht „normal“ essen kann. Und das ist ein gewaltiger Unterschied!

Würden Außenstehende auch so reagieren, wenn ihnen jemand mit einer populäreren Angst wie der Arachnophobie erzählt, wie sich sein Alltag gestaltet? Über die Angst vor Spinnen gibt es inzwischen jede Menge Witze wie diesen:

Spinne in der Zimmerecke entdeckt. Rausgegangen. Haustür abgesperrt. Haus angezündet. Bin jetzt auf Wohnungssuche.

Darin spiegelt sich nicht nur, wie wenig ernst diese Angst vom Außenstehenden genommen wird, sondern auch seine Hilflosigkeit, der er nur mit einem für ihn kathartischen Witz entgegentreten kann: Du hast Angst? Mist. Ich weiß nicht, wie ich dir helfen kann, weil ich deine Angst nicht verstehe / nachvollziehen kann. Weißte was, wir lachen jetzt mal kräftig drüber und dann ist die Sache erledigt!

Man findet darin auch die Unfähigkeit, empathisch darauf zu reagieren: Tja, selbst schuld, damit hast du wohl deine Lebensgrundlage zerstört. Damit ist für den Außenstehenden das Problem gelöst, dem Betroffenen nicht helfen zu können. Er hat ihn quasi mit seinem Problem „verbrannt“ und kann wieder entspannt zur Tagesordnung übergehen.

Der Haken an der Sache ist jedoch, dass ein Mensch mit starker Spinnenangst weiß, wie „unsinnig“ seine Angst ist. Sein Leben zerfällt aufgrund der Angst vielleicht bereits. Und er würde tatsächlich sein Haus anzünden, wenn sich dadurch etwas änderte. Folglich wurde er nicht nur (unwissentlich) noch tiefer in sein Problem hineingestoßen, sondern er hat von dem Außenstehenden auch noch einen Ratschlag bekommen, den er im schlimmsten Fall umsetzen wird, so unwahrscheinlich das für Außenstehende klingen mag.

Ein Weg, dem Arachnophobiker zu helfen wäre, mit ihm regelmäßig ein Terrarium zu besuchen und ihn zu desensibilisieren. Ein Außenstehender hat vielleicht die Zeit dazu oder Spaß an diesen Ausflügen, und eventuell verschwindet die Spinnenangst des Betroffenen sogar. Aber der oder die Auslöser der Angst bleiben damit unentdeckt.

Bei Essstörungen scheint das Problem einige tausend Grad heißer gekocht zu werden. Das Wissen, dass man sich in eine lebensbedrohliche Situation gebracht hat, belastet den Betroffenen. Er kann sein Verhalten aber nicht ändern, weil er sich dann den noch bedrohlicheren Ängsten stellen müsste, die die Essstörung bedingen. Dazu kommt, dass der Körper sofort auf die Veränderung der Nahrungszufuhr reagiert. Dazu gehören z.B. Schmerzen, die für den Betroffenen unerträglich werden können und die für Außenstehende weder logisch noch somatisch nachvollziehbar sind. Im Zusammenhang mit den vorhandenen Ängsten fühlt sich der Betroffene regelrecht gelähmt. Er kann sich trotz der lebensbedrohlichen Situation beim besten Willen nicht „zusammenreißen“ und demzufolge weder mit dem Essen aufhören noch damit anfangen.

Und wie sollte man sich als Außenstehender verhalten?

Man mag es kaum glauben, aber Betroffene mit Essstörungen sind auch ganz normale Menschen. Sie haben Hobbys, gehen zur Schule oder zur Arbeit, lesen, hören Musik, gehen ins Kino, haben ihr Spezialgebiet … Die Essstörung ist nur ein Teil von ihnen, der momentan mehr oder weniger intensiv in den Vordergrund tritt. Es ist unangenehm, ständig darauf angesprochen zu werden, wie wenig man diesen Teil im Griff hat. Oder wollen Sie regelmäßig darauf hingewiesen werden, dass Sie Brillenträger sind, schiefe Zähne haben, die Füße beim Laufen einwärts drehen oder dass Ihre Haare trotz Star-Friseur-Besuch bis in alle Ewigkeit der Erdanziehung unterworfen sein werden?

Unauffällige Präsenz hilft, am ball zu bleiben und das Gefühl zu vermitteln, da zu sein. Wenn die Entwicklung Sie nachdenklich macht oder Sie den Zustand des Betroffenen als fraglich einschätzen, reden Sie offen mit ihm darüber. Er darf erfahren, dass Sie sich Gedanken oder Sorgen machen. Vielleicht haben Sie den Mut und die Kraft, ihn oder sie zum Arzt zu begleiten. Die Behandlung der psychiatrischen Ursachen sollte man nicht nur, man muss sie sogar einem Facharzt überlassen. Die Diagnose wird wahrscheinlich keine Überraschungen mit sich bringen, ebenso die folgende Behandlung. Entscheidend ist vor allem die Zeit nach der Diagnose, weil sich dann eine Menge für den Betroffenen und sein Umfeld ändern wird.

Motivationsreden bringen nichts. Sie gleiten gerne mal ins Levitenlesen ab, auch wenn Sie glauben, der Auserwählte mit dem entscheidenden Zauberspruch zu sein, der den Betroffenen rettet. Sie können ihn nicht retten.

Verzichten Sie auf Sätze wie: Lass den Kopf nicht hängen. Gibt die Hoffnung nicht auf. Koch dir mal was Gesundes. Du musst nur sagen, was dich bedrückt, dann wird alles gut. Glauben Sie dem Betroffenen einfach, dass er das schon versucht hat und damit gescheitert ist, weil die Ursache für die Essstörung tiefer liegt. Aber das ist nicht Ihre Baustelle.

Wenn Sie merken, dass die Emotionen bei Ihnen jedes Mal hochkochen, gehen Sie auf Distanz und schützen Sie sich selbst. Mit gesundem Egoismus zur Selbsterhaltung helfen Sie sich und dem Betroffenen eher, als wenn Sie krampfhaft die Stellung halten. Vielleicht bedeutet dieser Schnitt das Ende einer Beziehung, vielleicht ist es nur eine Pause. Bedenken Sie, dass auch Sie ein Teil des Problems werden können, wenn Sie selbst zu stark involviert sind. Es ist nicht Ihr Kampf, folglich können Sie ihn auch nicht gewinnen. Deshalb ist Selbstschutz für Sie als Außenstehender oberstes Gebot.

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Emotionale Ambivalenz

In der Fachliteratur wird die Anorexia nervosa als seltenste und zugleich schwerste Form der psychischen Erkrankungen bezeichnet. Die Behandlungsdauer von mehreren Jahren – auch ohne Erfolgsaussichten – macht Außenstehenden Angst. Man will sich abwenden, weil man den Prozess selbst nicht erträgt, kann es aber nicht, weil man befürchtet, den Betroffenen mit dem Verhungern allein zu lassen.

Ebenfalls erschreckend ist, dass jeder mindestens eine Person mit einem gestörten Verhältnis zur Nahrungsaufnahme zu kennen scheint. Die persönlichen Berichte decken sich in etwa. Man stolpert beim Verhalten über die unglücklichen Paarungen Kontrollzwang und Maßlosigkeit, Selbstzerstörung und Angst vor Krankheiten, Depressionen und Manien, die eine freundschaftliche oder familiäre Beziehung schwierig bis unmöglich machen.

All das führt anscheinend dazu, dass man Anorexie trotz eindeutiger Faktenlage weder emotional noch rational verarbeiten kann. Wie sonst bedingen sich so widersprüchliche Verhaltensformen?

Aufgrund dieser Komplexität resultieren darauf für Betroffene und Angehörige immer wieder die gleichen Fragen, ohne dass darauf Antworten gefunden werden können:

Was? Essen soll schwierig sein? Das ist doch die Grundlage des Lebens! Aber wenn ich die Betroffene am Tisch sitzen sehe, verstehe ich plötzlich, warum sie nicht essen kann.

Jemand stößt dich mit aller Macht weg, obwohl er deine Hilfe braucht? Krass. Es ist für dich eigentlich nur eine Frage der Zeit, wie lang du dieses Spielchen mitmachst. Aber kaum hast du dich entschieden, den Betroffenen gehen zu lassen, treibt dich dein schlechtes Gewissen zu ihm zurück.

Wieso müssen gerade Jugendliche, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben, daran erkranken? Was treibt Erwachsene dazu, ihrem Körper die Lebensgrundlage zu entziehen? Und warum wird „Schlanksein“ positiv gefördert, obwohl die Folgen für Betroffene unübersehbar sind?

 

Auch Verzicht und Gier werden einander gegenübergestellt, obwohl die emotionalen Grenzen fließend sind: Der Verzicht auf Essen wird bei Adipositas positiv empfunden, wenn er nicht sogar als Gesundheitsmaßnahme gefördert und aktiv unterstützt werden muss. Ist dagegen schon jemand „dünn“ oder untergewichtig, wird der scheinbare Verzicht oft als Trotz oder Sturheit bezeichnet, die Not dahinter jedoch oft nicht erkannt. Entsprechend ablehnend kann die Reaktion des Helfers ausfallen, obwohl der Untergewichtige Unterstützung bräuchte, um wieder essen zu können, genauso wie der Übergewichtige jemanden braucht, der ihm hilft, mit dem Essen aufzuhören. Aber wer setzt sich schon freiwillig zu jemandem an den Tisch, der verbiestert auf seinen Teller starrt?

In der Literatur findet man den „gemütlichen Dicken“, der (positiv) zum Verweilen einlädt. Auf der anderen Seite steht der Archetyp der „geizigen Dürren“, die einem wahrscheinlich noch das Wenige, das man selbst hat, wegnimmt. Aber sind Adipositas-Betroffene wirklich gemütlicher als Anorexie-Betroffene? Zeugt „großer Appetit“ wie bei Gustav Gans nicht auch von der Unfähigkeit, sich zurückzuhalten oder etwas mit anderen zu teilen? Oder lässt man sich wieder von den Äußerlichkeiten täuschen?

Weiterhin muss man sich fragen, ob Außenstehende mit all ihren Ängsten und Enttäuschungen, die sie bereits mit Betroffenen erlebt oder von denen sie gehört haben, einigermaßen vorurteilsfrei hinter die körperlichen Fassaden blicken können.

Und sind Essstörungen aufgrund der Faktenlage demnach wirklich ein Thema für die Belletristik? Sollten sie nicht doch lieber in der Schublade bleiben?

Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Faktenbasierte Recherche hilft nicht gegen Hilflosigkeit

Ich habe mir für den vorliegenden Roman sowohl einschlägige Fachliteratur besorgt als auch das Internet durchforstet. Anfangs ging ich davon aus, dass die Recherche der medizinischen Daten die anspruchsvollste Aufgabe wäre, weil die schiere Menge auf den ersten Blick riesig erschien. Tatsächlich stellte es sich als emotional wesentlich belastender heraus, dass sowohl in der Literatur als auch in Internetartikeln der Schluss gezogen wird: Es gibt keine echte Heilung, denn irgendetwas bleibt immer zurück.

Dazu kommt die offene Unterwanderung durch die Bewegungen ProAna und ProMia. Ich habe irgendwann nicht mehr gezählt, über wie viele geschlossene Foren für Betroffene und ihre Angehörigen ich gestolpert bin. Die als gelöscht angezeigten Threads auf aktiven Websites füllten mitunter Dutzende Seiten. Fand ich trotzdem einen halbwegs aktuellen privaten Blog, führten immer wieder externe Links zu ProAna- oder ProMia-Seiten. Oder ich stieß auf einen Blogbeitrag mit unverhohlener Werbung für ATTE – Ana till the end.

Kurz: Der Eindruck, den ich vom Krankheitsbild Anorexie gewann, war schockierend. Wollen die Betroffenen überhaupt gesund werden? Anders konnte ich mir den Todestrieb, der in aller Öffentlichkeit zelebriert wird, nicht erklären.

Ich nahm zunächst Abstand von dem Projekt, weil ich mich emotional überfordert fühlte, und wandte mich „leichteren“ Themen zu. Erst nach einer Weile gelang es mir, mir meine eigene Haltung bewusst zu machen. Wenn jemand so offensichtlich aggressiv gegen sich vorgeht und damit auch die Hilfe anderer boykottiert, fühlt man sich als Außenstehender hilflos, besonders angesichts einer vermeintlich willentlich herbeigeführten und vor allem lebensbedrohlichen Situation.

Ich nahm mich als Betrachter erst einmal zurück und versuchte zu begreifen, dass von außen wahrgenommene „Anomalien“ ein Ausdruck der Störung sind, genau wie bei anderen psychischen Erkrankungen auch. So sollte man z.B. die aggressive Ablehnung durchaus als Hilferuf deuten, und zwar in beiden Ausprägungen der Essstörung: Es sind sehr starke Autoaggressionen nötig, um zu viel als auch zu wenig Nahrung zu sich zu nehmen, um den Impuls der Sättigung bzw. des Hungers umzudeuten, sodass die idR bekannten gesundheitlichen Folgen ausgeblendet werden können.

Genauso scheint die Umdeutung des Schmerzes bei anderen Ausprägungen autoaggressiven Verhaltens zu funktionieren. Statt die Emotionen nach außen zu tragen, richtet der Betroffene sie aufgrund gefürchteter Sanktionen, geringem Selbstwertgefühl o.ä. gegen sich. Könnte es demnach am entscheidenden Impuls liegen, der den Betroffenen dazu veranlasst, sich in Kombination mit seinen bisherigen Erfahrungen unbewusst für die Essstörung zu entscheiden? Ist die Essstörung am Ende nur die Maske einer Ansammlung anderer Probleme, die den Betroffenen belasten? Hätte er oder sie vielleicht genauso gut anfangen können, sich zu ritzen, Drogen zu nehmen o.ä.?

Der stille Ruf des Todes: Essstörung. Eine schwere psychische Erkrankung

Müsste ich die Fakten in einem Satz zusammenfassen, würde ich sagen: Wenn der Betroffene überlebt, werden Schäden zurückbleiben.

Das war einer der Gründe, die mich so lang davon abgehalten haben, einen Roman über Essstörungen zu verfassen, obwohl ich das Thema in meinen Ballettbüchern immer wieder gestreift habe. Denn auch als Autor wünscht man sich für seine Figuren ein Happy End. Aber wenn man sich die Faktenanlage anschaut, ist es bei Essstörungen schwierig, ein versöhnliches Ende zu finden, ohne unglaubwürdig zu werden.

Was bietet der Markt in der Hinsicht? Da ist zunächst der unübersehbare Wust an Diätzeitschriften und Schönheitsratgebern. Es gibt Koch-Shows im Fernsehen, Diätmittelchen in allen Apotheken und medizinische Fachlektüre für alle, die sich „zu dick“ fühlen oder tatsächlich übergewichtig sind. Dazu kommen die unzähligen Videos auf den Social-Media-Plattformen.

Der Adipositas gegenüber steht die Magersucht (vulgo). Zu schreiben, dass sie auf dem literarischen Markt kaum ein Gegengewicht auf die Waage bringt, grenzt schon fast an Zynismus. Es gibt ein wenig Fachlektüre und einige autobiografische Romane oder Berichte – und das war es. Krankhaftes Hungern ist bei Büchern anscheinend keine Geldmaschine.

Aber reicht es, dieses Spannungsfeld als Grundlage für einen Roman zu nehmen? Reitet man dann nicht auf den bereits ausgeschlachteten Klischees herum, mit denen diese Erkrankungen behaftet sind: Essensverweigerung, Schönheitsideale, Kontrollzwänge? Kann man etwas anderes tun, als wie viele andere davor das angeblich „Böse“ heraufzubeschwören, das sich hinter diesen psychischen Störungen verbirgt, und auch wieder nur die Sensationslust der Leser zu bedienen?

Zunächst einmal sollte man die Fakten im wahrsten Sinne des Wortes verdauen, bevor man sich an die Tastatur setzt. In diesem Artikel der Ärztezeitung finden sich die wichtigsten Eckdaten über Essstörungen: http://www.aerztezeitung.at/fileadmin/PDF/2013_Verlinkungen/StateEssstoerungen.pdf

 

Schweden-Trio: Fakten

  1. Die Romane Schweig still, Im Rausch und Der stille Ruf des Todes gehören inhaltlich zusammen. Das verbindende Element ist der Kinderhändlerring.
  2. Schweig still habe ich aus einer Laune heraus geschrieben, weil ich wissen wollte, ob ich Krimi “kann”.
  3. Dass bei Schweig still eine Ballettlehrerin verschwindet, liegt daran, dass ich 2016 meine Ballett-Schreib-Phase noch nicht ganz abgeschlossen hatte und wissen wollte, ob man Ballett irgendwie in den Mainstream bekommt. Hat dann ja auch funktioniert.
  4. Ursprünglich waren Im Rausch und Der stille Ruf des Todes ein Roman mit dem Schwerpunkt auf dem Thema Essstörungen.
  5. Nach der Aufsplittung in zwei Romane habe ich die Agentenstory in Im Rausch stärker herausgearbeitet und konnte so gedanklich in mein Lieblingsland Rumänien reisen.
  6. Der stille Ruf des Todes wurde zweimal überarbeitet und zweimal abgelehnt, sodass ich es selfgepublisht habe. Ein Grund für die Ablehnung war, dass das Thema Essstörungen nicht unbedingt unterhaltsam ist, aber das liegt leider in der Natur der Sache.
  7. Ja, ich hätte weiter nach einem Verlag suchen können, aber ich wollte das Thema vom Tisch haben.
  8. Bei Im Rausch sind auch einige persönliche Aspekte eingeflossen. U.a. kenne ich tatsächlich jemanden, der wie David fast nur Comics liest, aber nichtsdestotrotz ein ziemlich cooler Typ ist.
  9. Die Antwort auf die am häufigsten gestellte Frage nach der VÖ von Schweig still: Ja, ich hatte auch schon mal mit der Polizei zu tun, weil man mir mein Fahrrad aus dem abgesperrten Keller geklaut hat. (Nein, das Fahrrad ist nicht wieder aufgetaucht.)
  10. Ich habe nach Schweig still einen Schwedisch-Sprachkurs an der VHS absolviert.
  11. Ich habe lange vor Im Rausch mehrere Jahre versucht, Rumänisch zu lernen. Fazit: Rumänisch ist die späte Rache der Römer, Osmanen, Griechen … Sucht euch was aus 🙂 Rumänische Texte lesen geht aber.
  12. Nach der VÖ von Im Rausch wurde ich schon öfter gefragt, ob ich “harte Drogenerfahrungen” hätte. Das Leben ist nach wie vor die härteste Droge, oder?
  13. Ich werde auch künftig immer wieder mal einen Schreibausflug nach Schweden machen. Derzeit ist aber der Niederrhein dran.
  14. Bonbon: Ein Punkt ist frei erfunden 😉

Der stille Ruf des Todes: Öhm … Da steht ja dein Klarname drauf?

Jajaja, ich weiß, das mit den Pseudonymen … hat sich erledigt. Weil ich es so wollte. Das mag wie immer ein wenig sprunghaft erscheinen, was es im Grunde auch ist, aber so isses nun mal.
Ja, ich weiß auch, dass das verwirrend für den Käufer ist und man muss doch eine Marke kreieren und festigen und … Nun. Ich habe beschlossen, dass ich “auch so ‘ne Marke” bin, und das reicht.
Weil: Ja, inzwischen ist der Anteil der Leute, die sich meinen richtigen Namen merken können, deutlich gestiegen! Ich bin schon ewig nicht mehr mit Manuela angesprochen worden (das ist KEINE Aufforderung). Und auch der Nachname Stadelmann wurde schon lange nicht mehr als Grund für eine Geschlechtsumwandlung hergenommen. Wozu dann also die ganzen Pseudonyme?
Eben-t.
P.S.: Aber der eigentliche Grund ist, dass ich mich schreibtechnisch künftig nicht mehr nur in Schweden tummeln werde. Und bevor ich da ein Hin und ein Her mit irgendwelchen Namen habe, mache ich es lieber einheitlich.

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