Der stille Ruf des Todes: Essstörungen. Wie wird man Betroffenen gerecht?

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Man findet viele Informationen über Betroffene, jedoch kaum etwas von Betroffenen und ihren Familien. Ich vermute, dass es an der bereits erwähnten Unterwanderung öffentlicher Internetforen von ProAna und ProMia liegt, dass diese nicht mehr risikolos geführt und damit Informationen bereitgestellt werden können.

Zum Anderen liegt es wohl auch an den ungewollt zugefügten Verletzungen, die man den Betroffenen und ihren Familien mit gängigen Floskeln beschert.

Wie verhält man sich als Außenstehender?

Ein oft verwendeter, vermeintlich motivierender Satz Außenstehender lautet:

„Du musst dich nur zusammenreißen und ein bisschen mehr / weniger essen!“

Damit wird dem Betroffenen unterstellt, dass er sich bewusst oder gar böswillig gehen lässt und deshalb erkrankt ist. Aber es geht nicht darum, jemanden zur Ordnung zu rufen, der sich bewusst weigert, „normal“ zu essen, sondern um einen Menschen, der aufgrund einer psychischen Einschränkung nicht „normal“ essen kann. Und das ist ein gewaltiger Unterschied!

Würden Außenstehende auch so reagieren, wenn ihnen jemand mit einer populäreren Angst wie der Arachnophobie erzählt, wie sich sein Alltag gestaltet? Über die Angst vor Spinnen gibt es inzwischen jede Menge Witze wie diesen:

Spinne in der Zimmerecke entdeckt. Rausgegangen. Haustür abgesperrt. Haus angezündet. Bin jetzt auf Wohnungssuche.

Darin spiegelt sich nicht nur, wie wenig ernst diese Angst vom Außenstehenden genommen wird, sondern auch seine Hilflosigkeit, der er nur mit einem für ihn kathartischen Witz entgegentreten kann: Du hast Angst? Mist. Ich weiß nicht, wie ich dir helfen kann, weil ich deine Angst nicht verstehe / nachvollziehen kann. Weißte was, wir lachen jetzt mal kräftig drüber und dann ist die Sache erledigt!

Man findet darin auch die Unfähigkeit, empathisch darauf zu reagieren: Tja, selbst schuld, damit hast du wohl deine Lebensgrundlage zerstört. Damit ist für den Außenstehenden das Problem gelöst, dem Betroffenen nicht helfen zu können. Er hat ihn quasi mit seinem Problem „verbrannt“ und kann wieder entspannt zur Tagesordnung übergehen.

Der Haken an der Sache ist jedoch, dass ein Mensch mit starker Spinnenangst weiß, wie „unsinnig“ seine Angst ist. Sein Leben zerfällt aufgrund der Angst vielleicht bereits. Und er würde tatsächlich sein Haus anzünden, wenn sich dadurch etwas änderte. Folglich wurde er nicht nur (unwissentlich) noch tiefer in sein Problem hineingestoßen, sondern er hat von dem Außenstehenden auch noch einen Ratschlag bekommen, den er im schlimmsten Fall umsetzen wird, so unwahrscheinlich das für Außenstehende klingen mag.

Ein Weg, dem Arachnophobiker zu helfen wäre, mit ihm regelmäßig ein Terrarium zu besuchen und ihn zu desensibilisieren. Ein Außenstehender hat vielleicht die Zeit dazu oder Spaß an diesen Ausflügen, und eventuell verschwindet die Spinnenangst des Betroffenen sogar. Aber der oder die Auslöser der Angst bleiben damit unentdeckt.

Bei Essstörungen scheint das Problem einige tausend Grad heißer gekocht zu werden. Das Wissen, dass man sich in eine lebensbedrohliche Situation gebracht hat, belastet den Betroffenen. Er kann sein Verhalten aber nicht ändern, weil er sich dann den noch bedrohlicheren Ängsten stellen müsste, die die Essstörung bedingen. Dazu kommt, dass der Körper sofort auf die Veränderung der Nahrungszufuhr reagiert. Dazu gehören z.B. Schmerzen, die für den Betroffenen unerträglich werden können und die für Außenstehende weder logisch noch somatisch nachvollziehbar sind. Im Zusammenhang mit den vorhandenen Ängsten fühlt sich der Betroffene regelrecht gelähmt. Er kann sich trotz der lebensbedrohlichen Situation beim besten Willen nicht „zusammenreißen“ und demzufolge weder mit dem Essen aufhören noch damit anfangen.

Und wie sollte man sich als Außenstehender verhalten?

Man mag es kaum glauben, aber Betroffene mit Essstörungen sind auch ganz normale Menschen. Sie haben Hobbys, gehen zur Schule oder zur Arbeit, lesen, hören Musik, gehen ins Kino, haben ihr Spezialgebiet … Die Essstörung ist nur ein Teil von ihnen, der momentan mehr oder weniger intensiv in den Vordergrund tritt. Es ist unangenehm, ständig darauf angesprochen zu werden, wie wenig man diesen Teil im Griff hat. Oder wollen Sie regelmäßig darauf hingewiesen werden, dass Sie Brillenträger sind, schiefe Zähne haben, die Füße beim Laufen einwärts drehen oder dass Ihre Haare trotz Star-Friseur-Besuch bis in alle Ewigkeit der Erdanziehung unterworfen sein werden?

Unauffällige Präsenz hilft, am ball zu bleiben und das Gefühl zu vermitteln, da zu sein. Wenn die Entwicklung Sie nachdenklich macht oder Sie den Zustand des Betroffenen als fraglich einschätzen, reden Sie offen mit ihm darüber. Er darf erfahren, dass Sie sich Gedanken oder Sorgen machen. Vielleicht haben Sie den Mut und die Kraft, ihn oder sie zum Arzt zu begleiten. Die Behandlung der psychiatrischen Ursachen sollte man nicht nur, man muss sie sogar einem Facharzt überlassen. Die Diagnose wird wahrscheinlich keine Überraschungen mit sich bringen, ebenso die folgende Behandlung. Entscheidend ist vor allem die Zeit nach der Diagnose, weil sich dann eine Menge für den Betroffenen und sein Umfeld ändern wird.

Motivationsreden bringen nichts. Sie gleiten gerne mal ins Levitenlesen ab, auch wenn Sie glauben, der Auserwählte mit dem entscheidenden Zauberspruch zu sein, der den Betroffenen rettet. Sie können ihn nicht retten.

Verzichten Sie auf Sätze wie: Lass den Kopf nicht hängen. Gibt die Hoffnung nicht auf. Koch dir mal was Gesundes. Du musst nur sagen, was dich bedrückt, dann wird alles gut. Glauben Sie dem Betroffenen einfach, dass er das schon versucht hat und damit gescheitert ist, weil die Ursache für die Essstörung tiefer liegt. Aber das ist nicht Ihre Baustelle.

Wenn Sie merken, dass die Emotionen bei Ihnen jedes Mal hochkochen, gehen Sie auf Distanz und schützen Sie sich selbst. Mit gesundem Egoismus zur Selbsterhaltung helfen Sie sich und dem Betroffenen eher, als wenn Sie krampfhaft die Stellung halten. Vielleicht bedeutet dieser Schnitt das Ende einer Beziehung, vielleicht ist es nur eine Pause. Bedenken Sie, dass auch Sie ein Teil des Problems werden können, wenn Sie selbst zu stark involviert sind. Es ist nicht Ihr Kampf, folglich können Sie ihn auch nicht gewinnen. Deshalb ist Selbstschutz für Sie als Außenstehender oberstes Gebot.

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