Die liebe Familie

Joe Brauns Begräbnis. Rache macht glücklich

GraetscheWerkstattbericht Rebellion, Tatzeit: 15.05.2013, 12.01 Uhr

E-Book, ca. 180 Seiten, mit verlinktem Glossar 0,99 €

Kaum zu Hause, bekommt Melisande einen ersten Eindruck von stiller Rebellion. Ausgerechnet ihr Vater bekommt sie ab – dabei tut er nur das, was er immer getan hat. Und sie verweigert sich. Das ist auf den ersten Blick recht unspektakulär. Sollte es in Jugendromanen nicht spannend, anspruchsvoll, ja, abenteuerlich zugehen?

Na ja … das Abenteuer „Familie“ ist aus gutem Grund ein Kapitel für sich. Die wenigsten Familien stechen sich aus Gewohnheit mit Messern ab, wenn etwas schiefgeht, weil es einfach zu anstrengend ist, jedes Mal die Flecken aus dem Teppich zu rubbeln. Deshalb greift man in Familien auf altbewährte Mittel zurück: die Sprache. – Wenn ich so zurückdenke und mir anschaue, welche Methoden ich anwende, stelle ich fest, dass viele der familiären Zwistigkeiten mit dem Mund ausgetragen werden, ohne dass es zu Beleidigungen kommt. Das bedeutet aber auch, dass gerade hier ein ganz besonders delikates Vokabular vorherrscht. Gerade die Terminologie des Familienlebens beschränkt sich nicht nur auf Worte und Taten, sondern hat so viele Gesten im Repertoire, dass man daraus eigentlich ein fremdsprachliches Fach machen könnte. Nicht umsonst gibt es ja so viele Psychologen, die externen Zuhörer, die bei Schwierigkeiten eingreifen und die „Familiensprache“ geraderücken helfen.

Und Melisande? Die tut, was Jugendliche in der zweiten heißen Phase des Erwachsenwerdens tun: Sie schweigt und denkt sich ihren Teil, während der Rest ihres Körpers reagiert und mit Gesten antwortet. Der Vater merkt es natürlich – so ausgefeilt ist die „verborgene“ Rhetorik in dem Alter meist noch nicht – und verhält sich abwartend, vielleicht auch hilflos. Plötzlich versteht er seine eigene Tochter nicht mehr, die keine Lust hat, mit ihm Suppe zu kochen, es aber partout nicht sagt. Dafür gibt es übrigens auch einen Fachausdruck in der Psychologie: Double Bind. Ich sage „ja“ und meine „nein“, was bekanntlich nicht nur in Gruppensystematiken zu Schwierigkeiten führt.

P. S.: Besonders interessant finde ich, dieses Verhalten rückblickend zu betrachten. Wenn ich nur halb so „unverständlich“ war wie Melisande in dieser Szene, ziehe ich nachträglich den Hut vor meinen Eltern. Das war ja wirklich ein hartes Stück Arbeit …

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